Füssick - jenseits der Donnerkuppel

Hase am 21. April 2007 um 15:07

Man muss lernen, sich den vorherrschenden Ansprüchen anzupassen, wenn man in den heiligen Hallen bestehen möchte. Mit unter sind doch gewisse Unterschiede zu verzeichnen:
Während man bei unserem neurotischen Praktikumsleiter am besten das Heft gar nicht erst aus der Hand gibt, wenn die dritte Dezimalstelle des Gauß-Fehlers abweichen könnte von der Musterrechnung unseres Meisters, ist es dem Herren, der momentan meine Versuche im Praktikum II betreut, anscheinend alles herzlich egal. Mühevoll und unter Magenschmerzen ob der Richtigkeit der zusammengestückelten Ergebnisse gab ich mein 40-seitiges Protokoll zu dem beschissenen Galvanometer-Versuch ab und wartete das große Donnerwetter ab, dass die Werte ja niemals stimmen könnten. Aber Herr Praktikumsleiter schaffte es, sämtliche Protokolle innerhalb von zwanzig Minuten zu korrigieren, während er davon wahrscheinlich 15 lethargisch aus dem Fenster stierte. Selbst Leute, die irgendwie gar keinen Hauch einer Idee hatten, wie sie die ganzen merkwürdigen Messdaten zu einem ansehnlichen Klumpen von Ergebnissen zusammenpfriemeln konnten, bekamen ein Endtestat. Leicht maulig traf ich zum Schluss unten in der Halle wieder unseren Maestro, der auch ganz andere Sorgen hatte: Es war mal wieder “alles Scheiße”. Seine neuen Schützlinge machen den letzten Versuch am Abschlusstag, obwohl er doch dann eigentlich schon die Auswertung korrigieren und die Scheine verteilen soll. “Wie soll ich das denn machen? Da müssen wir den Versuch schon drastisch kürzen. Man soll das ja mit gelben, rotem und grünen Licht machen. Ich denke, wir ändern das um auf schwarzes Licht - dann sieht man nix!”
Höhepunkt der Woche ist unschlagbar die große Übung zur theoretischen Quantenmechanik. Aber auch hier herrschen interseminare Differenzen. Herr Doktor scheint sich für die Physik hinter der Operatoralgebra eigentlich gar nicht zu interessieren. Schon in der ersten Stunde bekamen wir eine eindrucksvolle Show der Funktionalanalysis geliefert. Mittwoch sprachen wir sogar über Hauptidealringe auf hilbertschen Strukturen. Sehr schön, meine Hoffnung hob sich, dass die Theorie vielleicht doch einmal exakt abgehandelt werden würde. Beflügelt von den Exkursen in Disziplinen, die irgendwie über den Dingen schweben, verformte sich sein Gesichtsausdruck doch, als wir auf die Besprechung der Aufgaben kamen und ein Mädel stolz an der Tafel einen Zweizeiler zur Photonenleistung anschrieb und auf das große Lob wartete. “Äh… [guckt verwundert auf den Aufgabenzettel], ja.. äh.. die Aufgabe war dann ja nicht so der Brüller!” Im weitern Verlauf musste ich mit der Erkenntnis leben, dass ich mir das Leben mal wieder zu schwer gemacht hatte: Statt hingebungsvoll die einzelnen Beziehungen herzuleiten, schrieben die Leute stümperhafte Ausdrücke an die Tafel, die sie wahrscheinlich irgendwo aus dem Internet geklaut hatten und zu deren Bedeutung ihnen auch nicht mehr als ein Schulterzucken einfiel.
Aber naja, man kommt ja auch so irgendwie durch - habe ich gestern abend erst wieder auf der Taufe dieses Kreuzfahrtdingens gesehen, als die Lasershow von einem kleinen Türkenjungen (mit billigem Bier in der Hand) mit “Ey, das Licht geht ja direkt bis zum Mond, Alla ey!” kommentiert wurde. Man muss sich halt nur anpassen ;-)

Die Spielwiese der Akademiker

Hase am 2. April 2007 um 22:05

Professor wird man nicht einfach so. Sie sind die Würdenträger der höchsten akademischen Auszeichnung, betreiben Spitzenforschung an unseren Instituten und haben meist eine Ausbildungszeit von mehreren Dekaden hinter sich. Ein Professor sitzt am liebsten in seinem abgeschotteten Büro, bastelt an seinen Veröffentlichungen oder reißt auf dem Flur mit seinen Kollegen Witze, die ein Normalsterblicher entweder überhaupt nicht lustig findet oder sie nicht versteht. Ins Schleudern geraten die hohen Herren eigentlich nur bei einer Kleinigkeit, zu der sie verdonnert sind: die Lehre. Ohne auch nur fünf Minuten an einem Pädagogik- oder Didaktikkurs teilgenommen zu haben, mit unter einer absoluten Talentfreiheit im Vermitteln von komplexen Sachverhalten müssen sie jedes Semester in den Löwenkäfig, den wir Hörsaal nennen. Viel schlimmer allerdings ist, dass ihnen zum großen Anteil dieser Aspekt ihres Jobs überhaupt keinen Spaß bereitet und ein notwendiges Übel darstellt. Es ist eigentlich vollkommen uninteressant, dass es hierbei um das Heranzüchten der eventuellen neuen Elite ihres jeweiligen Faches geht und nicht um das Abfertigen postpubertärer 11. Klässler. Lustlos wird eine zusammenkopierte Folie nach der nächsten über den Projektor geschliffen, eine Gleichung nach der nächsten an die Tafel gedonnert und als Audruck absoluter Abscheu Sätze wie “das ist eigentlich lachhaft, darüber zu reden”, “..wie Sie eigentlich wissen sollten”, “ist ja ganz klar”, “wenn Sie das nicht verstehen…egal” aus dem Mundwinkel geschleudert.
Dass es manchen absolut abgeht, was auf der anderen Seite des Hörsaals los ist, sieht man vor allen Dingen daran, wenn man persönlich an der Gesaltung der Lehre beteiligt ist:
Im letzten Semester galt es, die große Prüfungsklausur zur Vorlesung “Mathematik I für Physiker” zu korrigieren. Nicht nur, dass Herr Prof. Dr. die Klausuraufgaben nicht mal kannte, die in seinem Namen gestellt wurden, hatte er auch überhaupt keine Lust, die zu korrigieren. Irgendwie hat er es tatsächlich geschafft, sich im Arbeitszimmer am Korrekturtag einzuschließen. Als er aufflog und zum Korrekturzimmer gebeten wurde, kritzelte er maulig und lustlos an einer Aufgabe herum, bis er entnervt und beleidigt den Kugelschreiber fallen ließ (”ich hab auch gar keinen Rotstift!”) und verlauten ließ: “Ich will jetzt nicht mehr!”
Als alles fertig war, kam seine Hoheit natürlich in der Armaniweste angeschlendert, deutete auf die feinsäuberlich nach Noten sortierten Klausuren und meinte zu dem hohen Stapel am Ende: “Die haben Sie offensichtlich noch nicht einsortiert, was?” Als er bemerkte, dass das die Leute waren, die durchgefallen waren, verließ Herr Prof Dr so schnell das Zimmer, wie er es betreten hatte.
Über den peinlichen Zwischenfall bzw das ausser Kontrolle geratene Streitgespräch des Postdocs und dem Professor möchte ich auch an dieser Stelle lieber den Mantel des Schweigens breiten…
Man braucht auch gar nicht lange zu suchen, bis man ein weiteres Paradebeispiel findet: Schon vor Beginn der Semesterferien teile ich Herrn Dr. mit, dass ich die für 8:30 Uhr anberaumte Veranstaltung nicht würde leiten können, da ich zu der Zeit traditionell eine Vorlesung in Theoretischer Physik habe. Ungeachtet der Bedenken (”naja, wird sich schon finden, was?”) landet die Uhrzeit im Vorlesungsverzeichnis. Ich versuche, Herrn Dr. per Email auf die Tatsache hinzuweisen, der mich an einen weiteren Professor, der mit der ganzen Angelegenheit überhaupt nichts zu tun hat (und wenn ich dem Mann eine Email schicke, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sie erhält und liest, größer, wenn ich eine Nachricht auf einem Zettel aus dem Fenster halte und hoffe, dass der Wind sie zu ihm tragen wird) sowie an den Koordinator der Raumverteilung verweist. Der Koordinator war clever und die offizielle Emailadresse existiert gar nicht. Nach einem erneuten Kontaktversuch antwortet mir Herr Dr geschlagene 3 Wochen nicht. Bis heute. Denn heute war ja offizieller Vorlesungsbeginn und ich natürlich um 8:30 Uhr nicht im Institut. Natürlich muss der Berg zum Propheten kommen, und ich fange Herrn Dr. aus seiner Sitzung ab. (”Wann haben Sie denn Schluss?” - “Weiß ich nicht…also ab um 12 Uhr 45 Minuten später” ….) Maulig und zerknirscht stolpert Herr Dr neben mir den Gang entlang, während ich ihn frage, warum ich denn keine Antwort bekommen hätte und was denn nun aus der Sitzung wird. “Ach, ich war sauer. Eigentlich jetzt noch”, ist alles, was ich zu dem Thema von ihm zu hören bekomme. Herr Doktor saß also eingeschnappt wie ein Kind vorm PC und hat extra nicht geantwortet. Ist ja auch egal, dass man sich selbst Gedanken macht. Wahrscheinlich hätte er auch die Veranstaltung einfach unter den Tisch fallen lassen, wenn ich mich nicht gemeldet hätte.
Naja, aber bei soviel Intelligenz ist es ja auch wahrscheinlich, dass gewisse andere Dinge auf der Strecke bleiben.

DESY - die Weihung

Hase am 29. März 2007 um 17:39

Gestern nacht um 2:20 Uhr war es soweit: Ich klebte das letzte Diagramm ein zur Regression eines externen Drehmoments. Vor lauter Freude bin ich doch tatsächlich vom Schreibtischstuhl gefallen, da sich bei dem guten Stück zwei Schrauben gelöst hatten. Da wusste ich, dass jetzt die Zeit gekommen war, die Segel zu streichen.
Um halb elf stürmte ich das Laser-Institut, wo unser eifriger Assistent schon saß und Hefte korrigierte, schließlich mussten heute die letzten Endtestate vergeben werden. Einige hatten noch Altlasten der letzten 12 Versuche zu präsentieren und mein Versuchspartner hatte doch glatt seine PC-Ausrüstung mitgeschleppt, da er die Nacht durchgearbeitet und dennoch nicht ganz fertig geworden war. Mit einem leicht hysterischen Lachen schmiss ich dem Assistenten die Hefte auf den Tisch.
“Ich find das ja Scheiße. Ich meine, was soll ich denn jetzt mit den beiden Versuchen anstellen? Ich kann eh nicht ganz nachkontrollieren, ob alles stimmt und wenn was falsch ist, dann könnte ich nur sagen: Versuchs nochmal nächstes Semester. Ist ja auch alles Scheiße..”, so fasste er zusammen.
Trotz der widrigen Umstände aber bloß nicht nachlassen: Er wäre nicht unser Assistent, wenn er nicht die Exeltabellen von einem Jahr noch hätte, wo einige Leute den gleichen Versuch gemacht hatten. Da er die damals natürlich alle korrigiert hatte, MUSSTEN diese Werte schließlich stimmen. Und dann gings los: Alle drei Versuchshefte unserer Gruppe nebeneinander aufgebarrt schlug die Stunde der Wahrheit an:
“Also irgendwas stimmt da nicht… Ich hab hier für J(0) 0,0127 raus. Du [Hase] hast 0,0128 und du [Versuchspartner] hast 0,0126. Im Grunde also beide falsch.”
Hase: “Naja, das können ja nun Rundungsfehler sein. Schließlich geht die Rechnung über 10 Seiten…”
Assistent: “Naja, gut, ich kann das eh jetzt nicht nachprüfen, was richtig ist. Machen wirs so: Ihr bekommt beide einen Haken und ein falsch…”
Ohne Worte…

Er hat es tatsächlich geschafft und zwei Stunden an den beiden Versuchen herumgedoktert, bis der letzte Haken gesetzt und “Endtestat” drunter geschrieben wurde. Nebenbei erfuhren wir, dass unser Assistent heute noch viel vorhat, denn Saturn hatte ihm eine neue Werbung ins Haus geschickt und es gab nun angeblich den langersehnten USB-Stick für 10,00 €. Ich erinnere mich noch, wie er letzte Woche gewettert hatte, dass er 20 zahlen sollte:
“Ja dann bin ich dahin gegangen und hab dem gesagt, hier von wegen Geiz ist geil, ist doch echt scheiße…”
Vielleicht verdanken wir unseren Schein auch nur der Saturnwerbung, man weiß es nicht, doch dann zog Maestro feierlich aus seiner Tasche den Braunen Umschlag. Ich kam mir fast vor wie auf einer Diplomandenfeier, als er stocksteif vor mir stand, mir die Hand schüttelte, mich beglückwünschte und mir alles Gute für die Zukunft wünschte.
Und das ist nun alles, nach diesen langen und vielen Stunden der Arbeit? Ein halbseitiges billiges Stück Papier? “…hat regelmäßig am Praktikum teilgenommen und 12 Versuche ausgewertet”. Das hört sich an, als ob ich aus lauter Langeweile im Institut mal kurz aufgeschlagen, nen bisschen an sun paar Apparaturen rumgespielt und zwei Sätze auf nen Schmierzettel dazu geschrieben hätte. Da steht nicht, dass ich einen Monat lang kaum etwas anderes getan habe, als bis spät abends am Schreibtisch zu sitzen und irgendwelche schwachsinnigen Tabellen programmiert habe, während andere Leute Playstation spielen. Das stand da irgendwie nicht. Aber auch nicht, dass ich vom Stuhl gefallen bin. Meine Hüfte tut immer noch weh. Naja, Schwund ist überall.

- Um mit den Worten meines ehemaligen Assistenten zu schließen: “Ist ja auch alles Scheiße!”

DESY - Ort der dunklen Träume

Hase am 20. März 2007 um 10:19

Noch eine Woche und dann ist es geschafft. Ich komme mir vor wie ein Fließbandarbeiter: Man stolpert montags und donnerstags ins Institut und sitzt den lieben langen Tag vor irgendwelchen Versuchen. Mit jeder Datenreihe, die man aufnimmt, wird man nervöser, weil man weiß, dass jeder Satz ungefähr zwei Stunden Arbeit zu Hause bedeuten. Geschickt versucht man stets, um den letzten Versuchsteil herumzukommen, weil die immer besonders dumpfsinnig und arbeitsauswendig sind (ala “Wiederholen Sie den Versuch einfach nochmal - sind ja nur 80 Messungen und viel Spaß damit!”). Die verbleibenden Tage zu Hause ist man wie eine Geisel an den Schreibtisch gefesselt und schreibt in windeseile zwei Hefte voll. Kurz vor 11 Uhr abends geht dann die Ausdruck- und Einklebeaktion los. Hat auch jedes Diagramm Achsenbezeichnungen? Sind überall die Ergebnisse zweimal unterstrichen? Hat die Standartabweichung oder der Gaußsche Fehler die gleiche Stellenanzahl wie der Mittelwert? Mit flimmernden Augen kontrolliert man Exelformeln von hundert Zeichen. Sind alle Klammern da, wo sie sein sollten? Oh, nee.. Dummen Vorfaktor vergessen… 1/n*(n-1) muss ja noch unter die Wurzel… wie viele Messungen waren das eigentlich?? Achja. Aber dann fällt man ins Bett und träumt sogar noch von den Versuchen. Abartig.
Meinen Versuchspartner treffe ich morgens immer schon vorm Institut. Er ist meist überpünktlich und raucht schon. Kein Wunder, denn er ist ja gar nicht erst im Bett gewesen, sondern saß bis um halb acht am Schreibtisch. “Wie groß ist dein Fehler bei dem RLC-Glied?” begrüßt er mich. - “3,7554 %” - “Gut, hab ich auch.” Das sind die wahren Dialoge zwischen Physikern….

Im Institut für Laserphysik regieren noch alte Traditionen und man kommt sich zeitversetzt wieder wie in der Grundschule vor:
Student: “Sollen wir gleich hier auch die Differenz beider messen?”
Assistent: “Unterstreich erstmal die Überschrift mit Lineal!”

Naja, kein Wunder, denn der stellvertretende Geschäftsführer ist ja schließlich nicht irgendein Professor, nein, der Halbgott hat ja schließlich bei Herrn Hänsch (”Teddy” liebevoll genannt) promoviert, dem jüngsten Nobelpreisträger für Physik (natürlich aus München). Wenn man bei Prof Dr A. H. eine Vorlesung hört, schlackern einem die Ohren. Der Mann im Caschmirmantel ist die letzte Instanz, die Studenten vor dem Vordiplom abhalten kann. Alljährlich im Wintersemester liest der Starprofessor seine Vorlesung zur Experimentalphysik III “Einführung in die Quantenphysik”. Wohlgemerkt Experimentalphysik. Der Starprof zeigt nicht ein einziges Experiment und zieht seine stylische Powerpoint-Präsentation (rund 400 Seiten) innerhalb von 6 Wochen durch. Ich hab das Skript auch noch für tiefere Einsichten in der Theorievorlesung nutzen können. Schließlich muss man als stellvertretender Geschäftsführer das ganze auch ganz genau machen. Ob die Studenten das nun verstehen oder nicht, ist eher nebensächlich…
“Äh…also…äh…Ich..äh..kann Ihnen jetzt nicht noch..äh.. Nachhilfe in Mathematik geben. Äh… also sehen Sie… wir haben hier eine hilbertsche Struktur…äh… unendlichdimensional… und im …äh…Diracformalismus… äh… Fock-Zustände.. äh… Kählermannigfaltigkeiten…” Alles klar? Aber am Ende war die Welt wieder in Ordnung. Die letzte Folie zeigt Teddy in seinem Büro. “ja…äh..danke, meine Damen und Herren!”

Unser Assistent hat andere Sorgen. Er findet generell alles “irgendwie scheiße” und “die sitzen da irgendwo in einer stillen Kammer [die Professoren] und denken sich da irgendwelche Scheiße aus…”.
Beim Mittagessen sitzt er neben uns. Links neben mir schaufelt sich gerade ein dickes Mädchen schmatzend Nudeln in den Schlund. Der Departmentleiter sitzt auch wieder mit seiner pissgelben Cordhose in Reichweite. Vor sich ein Langenscheidt-Dictionary.
Wie werden darüber aufgeklärt, dass der arme Assistent schon um halb sechs aufstehen muss. Auf meinen Einwand, dass er doch erst um kurz vor neun im Institut sein muss, kommt die Erklärung: “Ich werd ja morgens erst wach, wenn ich drei Becher Kaffee getrunken hab. Da brauch ich so lange. Ist zwar scheiße, aber was solls.” Ahja.
Auf dem Rückweg ins Institut werden wir auch aufgeklärt, was unser Assistent in seiner Freizeit tut, nachdem ihn seine Frau (”das Miststück”) verlassen hat: Er bastelt an einer Katalogisierung seiner CD-Sammlung. Stolz werden wir über Gruppen aufgeklärt, die man wahrscheinlich nur in zugeräucherten Hinterhofbars kennt. “Ich hab sie alle… aber nich nur alte, auch neue!”
Hase: “Wahrscheinlich kommt er jetzt zu Shakira!”
Assistent: “Jaja.. die hab ich auch… also ich find die gar nicht schlecht.”
Mein Versuchspartner grinst vielsagend.
Assistent: “Nein, also als ich die das erste Mal auf dem Cover gesehen habe, dachte ich auch: wieder nur ein kleines billiges Flittchen, aber mittlerweile….”
Auf mein Lachen hin dreht sich der Assistent um und fragt: “Ja, was hörst du denn? Modern Talking oder was?”
Ich hör gar nichts. Das hält vom Arbeiten ab. So… Versuch 10…. ;-)

Welcome at DESY …

Hase am 13. März 2007 um 20:24

Ein physikalisches Praktikum hat was. Man nehme: Ein 8-Quadratmeter-Zimmerchen, 6 trottelige Studenten, einen neurotischen Assistenten und platziere das Ganze in der ekstatischen Halle des Instituts für Laserphysik (dort atmet man - auch wenn man es eigentlich nicht glauben könnte - auch Luft).
Offensichtlich sind wir der Nietenkurs. Jeder, der bei uns ausholt, um die dusseligen Pendel auszulenken (völlig abgewichst), die dusseligen Kupferblöcke aufzuheizen (man stelle sich den Versuch nur VOR: Man nehme einen haufen Papierschichten unterschiedlicher Dicke, führe eine Regression jeweils durch und zum krönenden Abschluss eine Regression der Regression, wegen weil is ja genauer, ne??), dusselige Reichweiten von alpha-Teilchen zu bestimmen oder sich einen Hörsturz bei dem Versuch mit den Schallwellen zu holen, hat auf irgendeine Art und Weise in der Experimentalphysik versagt. Jedenfalls ist es für uns alle nicht der erste Versuch, diesen Schwachsinn durchzustehen.
Aber es IST auch lustig… hier das Best-of der ersten zwei Tage:

Assistent: “Ach, das ist doch echt Scheiße, was du da erzählst!”

Zaghaftes Kontaktsuchen der Kommilitonen: “Wisst ihr, wo die Physik-1-Klausurergebnisse sind?”
Hase: “Nö. Woher soll ich denn das wissen?”
“Seit ihr ausm Sommersemester?” Hä???

Und unsere Ostblockstudenten sind auch da. Sergej aus irgendwoher möchte aus lauter Eifer noch eine zusätzliche Holzprobe analysieren, die in Hases Versuchskasten liegt. Hase hat gleich beschlossen, das sein zu lassen, ist ja nur mehr Arbeit..
Ostblock: “Ich benutzen Block?” (will heißen, er will den Block haben)
Hase: “Ja, ich ja bestimmt nich, ne?”

Hase hat den schlimmen elektromagnetischen Schwingkreis irgendwie falsch aufgebaut.
Assistent: “Ja, du hast hier ja auch das falsch rum reingesteckt… Ist doch scheiße, wenn du das richtige Loch nich findest!” (grinst anzüglich) Ah ja. Danke.

Assistent: “Was machen wir mit dem Oszi (wie ss gesprochen und meint das Oszilloskop), wenns nich klappt?”
Hase: “Nach Hause schicken!”
Assistent: “Genau.”

Naja. Der Tag erreicht auf alle Fälle seinen Höhepunkt, wenn die Uhr 13:00 anzeigt. Trogzeit. Karavanenartig wie die Lemminge stolpern Professoren, Doktoren und Studenten aus den verschiedensten Gebäuden und quälen sich ans Ende der Anlage, wo großspurig die “Mensa” liegt. Der Fresstempel besitzt zwei Gesichter: Eine Schlange tümmelt sich bei den Gourmetspeisen (Leute im Anzug und die Ausländer) und eine bei der Frittenbude (gibt Pommes mit wahlweise Curry-Wurst, Schnitzel oder Frikadelle, aber alles mit Currysauce, ein kulinarischer Glanzpunkt). Gestern war Tuffi hinterm Tresen. Dönertuffi, um genau zu sein. Zunächst bemerke ich fassungslos, dass sich der ehrenwerte Prof. Dr. Zimmerer, der sich bei mir damals durch die Physik-2-Vorlesung so hingebungsvoll von einer Folie zu anderen gequält hat, sich doch tatsächlich eine Currywurst reinziehen will.
Naja. Als nächstes beugt sich Tuffi vertraulich über den fettigen Tresen und lässt seinen Mundwinkeln die Frage entfallen, was ich denn “geiles” haben möchte. Bevor mir vor Schreck das Tablett runterfällt, entscheide ich mich auch für das Professorengericht (Currywurst-Pommes-Rot-weiß). Tuffi flattert zum Grill und zaubert mir einen Teller vor die Nase. “Da haste mal was dickes, langes!” vertraut er mir an und ich hoffe in jedem Moment, im Erdboden zu versinken.
Man sucht sich ein lauschiges Plätzchen in dem sparkig-grün gehaltenen Speisesaal. Es sind alle da. Alle. Fast vergesse ich vor Aufregung, das Ding auf meinem Teller zu begutachten. Da isser doch, der großartige Prof Dr G.H. Und seine Brille ist immer noch schief. Die Hose auch die gleiche. Hat er noch die Kreideflecken von vor zwei Jahren auf dem Hintern? Hm… Der Gute bestach schon immer durch raffinierte Alltagstauglichkeit. Beim Gang zum “Tablettablageplatz” und Ausgangsstätte für diejenigen, die seine Vorlesung damals nicht verstanden haben (heute Küchenmagd genannt) verfängt sich sein graziler Stampfer doch glatt hinter einem Stuhlbein und seine Herrlichkeit landet mit einem Plumps auf dem Boden. Wie ein gestrandeter Wal liegt er auf dem blitzenden Parkettfussboden. Aber immerhin, seine Brille (2,50 EUR beim Sparmarkt umme Ecke) sitzt immer noch schief auf der Nase. Wenigstens was. Meine Augen gleiten weiter. Ach ja. Da sitzt auch schon der Oberguru. Wie immer hat er die pissgelbe Cordhose an. Seines Zeichens ist er unser Departmentleiter. Ich unterdrücke ein hysterisches Lachen, wenn ich an seine Vorlesung zur Elementarteilchenphysik zurückdenke und mir die Episode mit dem Overheadprojektor wieder einfällt…

“Ähm, das Licht vom Projektor ist fast aus. Wir sehen nix mehr!”
Prof: “Und was soll ich jetzt machen?”
“Vielleicht den daneben benutzen?”
Prof: “Ja, also ich zieh dann mal um. Und Sie rücken einfach auf die linke Seite des Hörsaals…” (der Projektor steht ungefähr anderthalb Meter neben ihm)
Prof: “Ja… ähem… wie… eh… also wie schließe ich das denn jetzt an?”
Für Notfälle, oder wenn der Assistent nicht gerade da ist, gibt es eine Klingel. Der schusselige Assistent ist aber da, schließlich torkelte er noch vor fünf Minuten durch den Saal und riss einen schmutzigen Witz. Aber Herr Professor klingelt. Dreimal hintereinander.
Prof: “Hallo… Sie… machen Sie mal hier… dieses Projektionsgerät (!) ist defekt… ähm…”
Drückt auf dem Einschaltknopf rum, nix passiert (kein Wunder, das Ding ist ja auch nicht angeschlossen)
Assistent: “Sie müssen jetzt nur den Stecker reinstecken und dann gehts!”
Prof: “Ja dann bringen Sie mal ne Verlängerungsschnur…”
Assistent: “Die Steckdose ist zu Ihren Füßen, Professor!”
Prof (ungehalten): “Ja meinen Sie denn, ich bin für diesen Kram zuständig? Ich bin Professor! Also holen Sie jetzt eine Verlängerungsschnur!”
Assistent: “Ich hab keine..”
Prof: “Wofür werden Sie eigentlich bezahlt, Mann?”
Assistent bückt sich, steckt den Stecker rein und geht wieder.
Prof: “Na sehen Sie, geht ja doch… der Mann hat auch keine Ahnung….”

Achja. Seine Hohheit spricht gerade wild gestikulierend mit einem aus dem Technologiewunderland. Japaner sind immer gerne gesehen. Die essen immer das Gourmetgericht.
Prof: “Yes, and then i only can say: Welcome at Däisi! … Äh, well… Ges.. -” (zum Diplomanden): “Was heißt noch mal gestern auf Englisch??”

Naja. Aber nun sollte ich vielleicht mal… ach ja, das wars wieder… Praktikumsprotokolle schreiben…