Ein Nachmittag beim Frisör

Irgendwie ist es doch immer schön. Wenn man den Schnäppchentempel des Frisörs erklimmt, kommt man als hässliches durchgetretenes Etwas an und geht als sterbender Schwan. Irgendwie auch beängstigend, wenn man sich die Aufmerksamkeit erkauft, schließlich bezahlt man ja dafür. Denn ein pures Haareschneiden ist es bei Chantal irgendwie nie.
Heute musste ich um die 15 Minuten warten, bevor sich die Schere meines Vertrauens an meinem Kopf durchquälen durfte. Schon das Warten in dem leicht von Gerüchen überlagerten Raum ist hochinteressant. Neben mir sitzt Papa mit einem Bibliotheksbuch und begutachtet, wie sein Sohn von der Auszubildenden entschlossen die Haare abgerupst bekommt und während er eine Seite seines Romans umblättert, pustet er ein “Schön still sitzen, Pierre-Kevin!” durch den Raum. Ob Pierre-Kevin das gehört hat, bleibt zu bezweifeln.
Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass offensichtlich eine neue Ladung Tuffis angekarrt wurde, denn das androgyne Etwas am Waschbecken knabbert vor Verlegenheit am Daumennagel, als er zu mir herüber stiert. Den vollgesabberten Daumen wischt er sich elegant an seinem Arschtäschchen ab und wirft seine merkwürdig rosa gefärbten Haare zurück, bevor er den Wasserhahn wieder aufdreht.
Plötzlich kommt Bewegung in den Raum: Der Fleischberg mir schräg gegenüber auf dem Operationsstuhl kommt in Wallung, als der südländisch anmutende Frisör (von Chantal habe ich erfahren, dass der mit Sicherheit nicht schwul ist) fast im Mamboschritt auf das dicke Mädchen zuschwingt. Plötzlich richtet sich das dicke Mädchen auf, und ohne auf den klirrenden Spiegel zu achten, den sie durch den Impulsübertrag auf die Wand in Schwingungen versetzt hat, streift sie mit einem dicken Pattscherchen die fettigen Zotteln zurück.
“Hi!” dröhnt es aus dem aufgedunsenen Gesicht und sie fährt sich fast beiläufig über die dicken Schenkel, die in einer überdimensionalen Jeans eingewickelt sind. “Ich bin wieder da! Du erinnerst dich doch bestimmt an mich. Ich bins, Ramona!” Ramona reibt sich weiterhin die Schenkelchen, als sie dem Frisör erklärt, dass sie nur die Spitzen geschnitten bekommen möchte. Aus ihrer Körpersprache könnte man interpretieren, wenn man es nicht gehört hätte, dass es um andere Körperregionen als das dünne Gefusel auf ihrem Kopf drehen könnte. Der Latino verlagert sein Gewicht auf das linke Bein, fährt sich einmal durch die angeklatschte schwarze Mähne und lässt ein “vorher aber unbedingt waschen, Madame!” aus seinem verkniffenen Lächeln fallen.
Leider kommt in dem Moment Chantal und bevor ich noch etwas Begrüßendes hätte sagen können, vertraut sie mir an: “Er hat mich verlassen! Kannst du dir das vorstellen? Er hat mich einfach verlassen!” Jetzt ist der Kunde in einer Zwickmühle: Einerseits hat er dafür zu sorgen, dass seine Frisörin ohne seelische Belastung ihr Werk vollbringen kann (sonst könnte es dabei zu Zwischenfällen kommen), andererseits ist man dann gezwungen, sich durch seelische Traumata zu schlagen und kann selbst nicht die kleinen alltäglichen Zwischenfälle loswerden, über die man sich den Tag über verteilt aufgeregt hat. Also lasse ich mir das Drama noch vor dem obligatorischen Haarewaschen erzählen. Wie immer hat Chantal einen Typen in irgendeinem Internetforum aufgegabelt, wie immer fand sie ihn vorher nicht gerade berauschend (”aber der Sex war toll!”) und irgendwie war es diesmal allerdings so, dass sich Chantal durchaus hätte mehr vorstellen können. Leider zwei Tage vor meinem Besuch hat der Gute dann mit ihr Schluss gemacht. Zaghaft rege ich an, dass der Nickname wetslipharburg eventuell nicht gerade optimal gewählt wurde, um einen Partner fürs Leben zu finden, versuche dann allerdings beschwichtigende Worte zu finden, als ich sehe, wie die Schere anfängt zu zittern.
Im Folgenden kann ich das Thema zwischen dem bevorstehenden Weihnachtsfest (”ich fahr wie immer auf Sylt”), der Wahl ihrer Männer (”alles Schweine, kann Dervanil nicht hetero werden?”) und dem zurückligenden Urlaub auf Ibiza (”war nix dolles dabei” - bezieht sich anscheinend nicht auf das Wetter) ab und an noch auf meine Frisur lenken und überzeuge Chantal, dass die etwas längeren Haare mir nicht stehen.
Nach der Schlacht kommt das Erste-Ausbildungsjahr-Mädchen mit dem Knopf in der Lippe auf mich zu, verrät mir zum bestimmt zwanzigsten Mal unaufgefordert, wie sie heißt und darf mir noch einmal die Haare spülen und sie anschließend fönen. Den Euro für ihr demonstrativ aufgestelltes Sparschwein auf dem Tresen in Gedanken fest anversiert, schenkt sie mir ihr strahlendes Lädcheln und streicht sich einmal über den schmalen Hintern.
Als ich im Mantel den Akt des Bezahlens auf mich nehme (”ach, was hatten Sie denn? hihi… Naja, soviel wars ja bestimmt nicht…hihi”), rauscht Ramona mit einem beleidigten Gesichtsausdruck an mir vorbei in Richtung Tür und stößt mit ihrem ausladenden Hinterteil einen Zeitschriftenständer um. Im Vorbeifliegen erkenne ich einen kleinen Zettel, auf dem eine Telefonnummer zu stehen scheint. “Dann eben nich!” stößt sie mit fleckigen Wangen aus und knallt die Tür zu.
An der Tür angelangt, muss ich an dem neuen Tuffi vorbei. Mit einem grazilen Liderschwung (sind die echt?) haucht er mir “ciaoi…und ein ganz besonders schönes Wochenende für Sie!” zu und guckt mit einem angewiderten Gesichtsausdruck auf die wenigen Haare auf dem Kopf von Pierre-Kevins Papa.
Wie gesagt: Irgendwie hat so ein Firsörbesuch Unterhaltungswert.

Ein Kommentar zu “Ein Nachmittag beim Frisör”

  1. Hauke

    Hach, was Sie aber auch alles beim Friseur erleben : )

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