Im Büro von Herrn Prof. Dr.

Möchte man eine Prüfung ablegen, so ist man immer gut beraten, wenn man eine Vorbesprechung mit seiner Heiligkeit anstrebt. Man kann sich dann n unauffällig in dem Raum umgucken, in dem man den hohen Instanzen Rede und Antwort stehen muss und kann die Atmosphäre von Herrn Prof. Dr. aufsaugen, die stets eine andere ist, als wenn man in der Arena des Zirkus ist (auch Hörssal genannt). Zudem lohnt sich eine Absprache der Literatur, die aus verschiedenen (mir oftmals unverstandenen) Gründen von den Angaben während einer Vorlesung abweichen kann und plötzlich oftmals ganz andere Schwerpunkte gesetzt werden.
Heute hatte ich die große Vorbesprechung mit dem Starprof. live from Russia bezüglich meiner Theorieprüfung.
Die Tür stand offen, von Herrn Prof. Dr. leider keine Spur - bis er um die Ecke fegte und mich wie gewohnt sprachgewaltig begrüßte.
“Goood moooornin’ - wir heute Prüfung? Ich gar kein Beisitzer!”
“Nee, Vorbesprechung!”
Gewandt wie eh und je ging man mit dieser neuen Sachlage um und ich wurde gestammelt ins Büro gebeten. Büro ist zuviel gesagt, eher Müllhalde. Der berühmte runde Ikeatisch, den scheinbar alle Professoren für Prüfungen in ihrem Reich stehen haben, war kaum unter sich türmenden Zettelhaufen auszumachen, und da das Fenster offenstand, wurden die Stapel von fünf schmutzigen Teetassen am Davonflattern gehindert. Ob er ihn für die Prüfung freiräumt - oder sitzen wir dann auch wie zwei hilflose Besucher an seinem Schreibtisch hübsch nebeneinander, wie bei der Besprechung? Sein Schreibtisch ist ähnlich überladen, vor mir liegt ein Zettel, auf dem groß zu erkennen ist, dass Omega ungefähr 2 ist. Mit einem zielsicheren Griff in das Chaos wird unter einem Zungenschnalzen das ebenso berühmte schwarze Kalenderbuch rausgefischt und Herr Prof Dr guckt mich aufmunternd an. “Waaaan?” entfällt seinem Mund. Anscheinend geht es jetzt um den Termin.
“Sie fahren doch jetzt in die Staaten, haben Sie mir gesagt…” (eher geschrieben: “Ich bin am 3 September in Institut. Wir können kurtz sprechen. Danach ich bin in USA.”)
“Jaaa…”, der berühmte Zeigefinger des Nachdenks schnellt in die Höhe. “Ah, ich fliege hier zurück…hm…also 13 Stunden ich bin weg und dann…ah, nächster Tag. Ich mittags wieder hier und dann so drei Uhr?” Der Kugelschreiber (Werbegeschenk) flattert unschlüssig in der Luft.
“Meinen Sie, dass es so toll ist, wenn Sie aus den Staaten wiederkommen und dann gleich ins Büro kommen, um mich zu prüfen? Dann sind Sie bestimmt grummelig!” versuche ich die Katastrophe abzuwenden.
Ich erinnere mich noch, wie die erbitterten Verhandlungsversuche für den Termin der 2. Klausur seiner tollen Vorlesung scheiterten: “Ruuuhe! Nix diskutieren, ich müde!”
Ein Schatten der Vorsehung verdunkelt sein Gesicht. “Ja, dann wohl müde!” Er blättert weiter und stoppt vor einer komplett weißen Seite. “Da… hm.. ich meine, da schon Prüfung!” Die Kugelschreiberspitze wandert zu seinem ratlosen Mund und hinterlässt für den Rest des Tages einen blauen Strich. Energisch wird sich aus dem Stuhl gewuchtet und der PC befragt. “Ah, da Prüfung. Nur steht nich, wann… Ah, ich werde Student schreiben und sagen, 14 Uhr! Dann danach?”
Mit Schrecken sehe ich den Kugelschreiber wieder über dem weißen Kalenderblatt schweben. 15 Uhr Prüfung? Danach wird man mich gleich auf einer Bahre aus dem Büro tragen können. Das Kapitel habe ich einmal durch und noch einmal werde ich nicht einen Tag durch die Wohnung laufen und am Ende nicht mehr wissen, wie ich heiße, geschweige denn, wie ich zum Prüfer gelangen soll. Ich erinnere mich noch sehr genau an meinen kleinen Spaziergang und daran, wie ich mich auf dem Gelände des DESYs am Prüfungstag verlaufen habe. Nix da.
“Nee, das geht nicht. Dann bin ich nervös. Haben Sie denn nicht vielleicht vormittags was frei?” Angesichts des komplett leeren Kalenders eine eher rhetorische Frage.
Herr Prof Dr schmunzelt und zu meiner großen Verblüffung legt er mir eine Hand aufs Knie. “Aaaaah”, seine gurrende Stimme lässt mich ungewollt an die Beruhigung von Flüchtlingen während der Oktoberrevolution denken und ich muss mir auf die Zunge beißen, um nicht loszuprusten. “Nur ruuuuhig. Ist doch nur mündliche Prüfung. Nuuur mündliche Prüfung. Wird nichts passieren. Wir reden über Physik. Ich frage bisschen was und Sie antworten. Aaaalles gaaanz entspannt!”
Entschlossen wird das Buch genommen und mir aufmunternd auf die Knie gelegt. “Sie tragen ein, wann Sie wollen. Einfach Zeit und Name. Sie sehen, alles frei… hihi!”
Wahllos suche ich einen Termin raus und mache entschieden einen Kringel bei elf Uhr. Ich werde aufgefordert, Name, Telefonnummer und Email-Adresse einzutragen. Bei letztem kommt von ihm: “Aaahh.. Sie bei Physnet?” (lokaler Server). Auf mein Kopfschütteln hin bekomme ich unter einem Stoßgelache “Noooch nich!” zu hören.
Nachdem dieser Kraftakt des Terminsuchens hinter uns liegt, kommt das eigentlich interessante für mich, die Literaturabsprache und damit auch indirekt der Stoffumfang. Auch hier ist Herr Prof Dr bestens instruiert. Mit beruhigendem Armwedeln bekomme ich mitgeteilt, dass die Prüfung nur “zentraaale Setzä” beinhalten wird. Ich gucke unschlüssig. Die Hand von Herrn Prof Dr schwebt wieder über meinem Knie.
“Wir machen einfach. Nolting, Sie wissen schon!” Ich kann mein Glück nicht fassen, die Lehrbuchreihe besticht durch nicht unbedingte Tiefe und vor allen Dingen eher flapsigen Umgang mit der “harten” theoretischen Physik. Normalerweise habe ich das Ding immer gelesen, um mich irgendwo einzuarbeiten, bevor man sich dann zu weiteren Werken schleppt. Wenn das der Kurt wüsste! Nix über Tensorkategorien, Noetherströme und über die von mir verhassten differentiellen, partiellen und totalen Wirkungsquerschnitte irgendwelcher merkwürdigen Streuprozesse, die mich eh nie interessierten.
In den folgenden fünf Minuten verrät mir Herr Prof Dr mehr oder weniger unverhohlen, was für Fragen mich erwarten. “Sie nix rechnen. Nur ein Beispiel. Da ich Sie fragen…” Ah ja. Ungefragt werde ich auch von meiner letzten Angst befreit, gewisse Theoreme herleiten zu müssen. Die knappe - erstaunlich deutsche Antwort - “Nö!” lässt mich von dem Nachsatz “Lernen Sie nicht zu viel!” begleitet mit einem Schmunzeln das Büro verlassen. Ich habe zwar noch nicht die leiseste Ahnung, was das Ganze wird, aber auf alle Fälle wird es viel zu Lachen geben. Los gehts!

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