Empathogene Stimulantia I versus Easy Pillenkloppen auffa Pardy
Dervanil war gestern Moderator einer Podiumsdiskussion zum umstrittenen Thema Drug-checking. Somit fand ich mich gegen 19 Uhr (ohne Abendessen) im Hamburger Rathaus ein und war schier erschlagen von der Masse an Bürgern, die dieser Diskussion lauschen wollten: Keiner. Anwesend war der “Mann aus Berlin” von Eve&Rave eV Berlin, ein inzwischen emiritierter Professor des Instituts für Rechtsmedizin der Uni Hamburg, die Organisatoren der Runde sowie ein neben mir sitzender Jugendlicher, der wie vor der letzten Instanz des Mongolismus wirkte und meine Wenigkeit. Wie immer, wenn sich niemand der Öffentlichkeit für den ganzen Kram interessiert, wird an dem starren Modell der Podiumsdiskussion sklavisch festgehalten: Die Vortragenden vorne, die sich alle hübsch einzeln vorstellen und dann ein mehr oder weniger schleppendes Gespräch in Gang halten und die zwei oder drei anwesenden Zuhörer im leeren Publikumssaal. Ich persönlich empfinde die ganze Situation dann meist ungemein erheiternd auf Grund ihrer Groteskheit und komme aus dem Schmunzeln kaum heraus. Dieses Mal allerdings musste ich versuchen, einem Lachkrampf Einhalt zu gebieten.
Zunächst wurde von dem Mann aus Berlin in fast flappsigem Sprachfluss das Projekt vorgestellt. Wir erfuhren anhand einer Powerpoint-Präsentation, dass in Österreich und der Schweiz mittlerweile weitgehende Zugeständnisse des Drogenkonsums stattfinden und auf Techno-Parties mobile Labore die Pillen der Raver einer schnellen oberflächen chemischen Analyse unterziehen und die kritischen Konsumenten dann anonym an einer Pinnwand erfahren, was für Schätzchen denn in ihren Mercedes-Pillchen enthalten sein könnten (oder aber auch nicht). Ein gleichgelagertes Projekt ist in Berlin am Rande der Illegalität auf Grund der ausdrücklichen Untersagung durch die politische Führung vorbeigeschrammt. Am meisten anstößig fand ich die Suggestion des Pharmazeuten, dass der Konsum von Partydrogen eigentlich ganz easy und nicht weiter bemerkenswert ist.
Als Bilder von der tatsächlichen Umsetzung auf dem Projektor gezeigt wurden, fiel der ansonsten bis dahin teilnahmslose Professor fast vom Stuhl, als der Vortragende meinte, dass dies Prof Sowieso aus Sowieso sei.
Nach der letzten Folie (”Und was macht Hamburg?”) war der Apotheker entlassen und nun kam die große Stunde von Herrn Prof. Dr. Er hätte glatt einer der Theorieprofessoren aus dem physikalischen Institut sein können und irgendwie kam ich mir schlagartig wie in einer Vorlesung vor. Mit leiser Stimme (Mikro fehlte ja) begann Herr Doktor, den zuvor Vortragenden auszuzählen wie einen mittelmäßigen Studenten in einer Prüfung (”Ja können Sie denn blabla-dioxy-blabla damit nachweisen? Können Sie blabla nachweisen? Offensichtlich nicht!”). Auch Herr Doktor hatte eine Powerpoint-Präsentation vorbereitet: Groß sein Name und dadrunter chemische Formeln im Lewis-Formalismus. Irgendwie kam es, dass Herr Dr. sich plötzlich in einem Monolog über die Nachweisbarkeit von chemischen Stoffen befand, die bei dem “Konsum von psychotroper Stimulantia” anfallen (angestachelt habe ich heute mal meine Chemie-Kenntnisse aufgefrischt: Ecstasy - 3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin - gehört zur Gruppe der entaktogenen Amphetamine, die mit 1-Phenylpropan-2-amin ein Homologon des Phenylehtylamin darstellt; wie schön, dass ich in der Schule Chemie-LK hatte) und der Jugendliche neben mir schaltete ab und beschäftigte sich mit seinen Fingernägeln. Dervanil griff in seiner Funktion als Moderator behutsam ein und regte an, da man ja eh schon in der Diskussionsrunde sei, diese dann auch offiziell einzuberufen (heißt, alle setzen sich artig vorne in eine Reihe, einer sagt was und mit aufmunternden Sätzen wie “was sagen Sie denn dazu?” werden die anderen Vortragenden dazu angeregt, mit “Nun ja, äh…” ihre Meinung dazu darzulegen), mit der stillen Nahfrage, ob er denn sonst noch mehr Folien hätte. Da kam Herr Doktor richtig aus sich heraus, fingerte hektisch mit dem Laser herum und gab zur Antwort, dass er ja noch die Wirkungsweisen der einzelnen Stoffe vorbereitet hätte, aber das könne er auch ein “bisschen schneller” machen. Ich war schon die ganze Zeit leicht belustigt von dem Treiben vorne und der beherzten Frage einer der Organisatorinnen, die mit “Hab ich Sie jetzt richtig verstanden, Sie denken, das…” versuchte, die akademischen Feldzüge der organischen Chemie auf das “Ja, hier kommt einer mit seiner Pille und legt die da auf die Waage”-Geplapper des Eve&Rave-Mannes herabzubrechen, aber als Herr Doktor dann flott die nächste Folie mit den Wirkungsweisen von Ecstasy (das Wort fiel eigentlich nie, sondern MDMA (siehe oben) ) anknippste und das mit den Worten “Das kennen Sie ja mit Sicherheit alles schon!” umriss und sich auf der Leinwand nur lateinische Fachbegriffe tumelten, war es vorbei. Ich erntete einen fragenden Blick von Herrn Professor auf mein Lachen hin (Fragen und Kommentare sind in Vorlesungen nur unter äußersten Ausnahmezuständen eine tolerierte Teilnahme), doch nachdem wir einige medizinische Fachausdrücke hinter uns hatten, half nichts und dervanil brach das Ganze ab. Danach plättscherte ein Zwiegespräch zwischen Herrn Prof Dr und dem Eve-Mann dahin, bis die Zeit um war, Herr Doktor seinen geschenkten Biowein in die Vorlesungsmappe quetschte und der Eve-Mann seinen Eastpak-Rucksack schulterte.
Dass die gesamte Veranstaltung irgendwie das eigentliche Ziel verfehlt hatte, kam zum Ausdruck, als der Jugendliche neben mir (mit, wie es Herr Prof wahrscheinlich ausdrücken würde,einer chirurgischen Resektion einer Cheilognathopalatoschisis) aufgeregt stammelte: “Ist Spritzen jetzt denn erlaubt?”
Ohne Worte.