Tuffi’s Day: CSD 2007

Alle Jahre wieder feiern die Schwulen und Lesben im Sommer ein zweites Weihnachten: Mit geradezu hypnotischer Gewalt wird lautstark der Christopher-Street-Day (CSD) begangen. Die politischen Parolen sind handfest - Die rechtliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, das Adoptionsrecht sowie Subvention und Engagement bei dem Finden der sexuellen Identität im Akkommodationsprozess des Coming-Outs -, an der Umsetzung hapert es allerdings leider gewaltig: Unter dem Deckmantel einer politischen Demonstration lassen die meisten der Betroffenen hemmungslos die Sau raus, so dass man sich als Aussenstehender fragen kann, ob man tatsächlich die Hedonie pur unterstützen sollte. Denn das politische Engagement und damit auch sämtliche Ideale sind leider schnell mit Proseccogläsern unter der Beschallung von Schlagersternchen die Alster runtergespült.
Der CSD ist krönender Abschluss einer ganzen Woche, die sich ausschließlich mit homosexuellen Fragestellungen beschäftig, die sog. Pride-Week. Am Donnerstag vor der Parade war man sich auf einer Podiumsdiskussion noch “total sicher”, dass das Homoglück im vor dem Feuer lümmelnden Labradorhund in Verbindung mit einem Häuschen im Grünen (einen selbstverständlich perfekten Partner an der Seite, den man so ganz frei von Zwang von seinem weißen Schimmel runtergehieft hat) seine stilisierte Erfüllung erfahren würde. In der anschließenden großen Buchlesung “Südlich von Hetero” wurden so scheinbar “ganz furchtbar schreckliche Comingout-Szenarien” vorgelallert. Mir kamen fast die Tränen, als ich von dem Mobbelchen hören musste, dem irgendwo in einem Dorf in der Zone zwei Tränchen über die geschminkten Pausbäckchen liefen, da einer der Bauern im Vorübergehen das Wort “Arschficker” aus dem Mund hat fallen lassen. Wenn das alles ist, was einem kleinen fetten Jungen in seiner Kindheit widerfahren kann, dann habe ich irgendwas in meiner Kindheit falsch in Erinnerung. Der Selbstbetrug ging sogar so weit, dass einer der reizenden Buchautoren die Pistole auf die schlimme Medienlandschaft richtete, und der CSD-Fernsehübertragung einen Tunnelblick vorwarf. “Die zeigen nur die affektierten Häschen! Ich war auf der Parade und im nachhinein sahs im Fernsehen alles ganz anders aus!” Im Anschluss an diesen informativen Abend wäre ich fast vor lauter Harmonie in die Weinflasche gefallen.
Schade, dass ich keine Videokamera dabei hatte am Wochenende.
Die Parade begann mit der Erkenntnis, dass zwischen den diversen Getränkekisten nicht eine einzige Flasche war, die keinen Alkohol beinhaltete. Dem entsprechend hatten die Gespräche nach einer Stunde unter der brennenden Sonne irgendwie an Niveau eingebüßt. “Ich war ja mit zwei Schwarzen verheiratet, ne? Und ich [kurzes rülpsen] kannir sagn, dasses stimmt, was man so sacht über die Schwarzen!” Leicht geschockt wechselte ich schnell den Platz und fand Olivia Jones, die von vier strammen Jungs in einem Fetzchen von einer roten Shorts auf einer Sänfte “getragen” wurde. Ich habe schnell die betrügerischen Rollen gefunden.
Auf dem Weg fanden wir ein paar Bekannte auf der Straße langtorkeln, die allesamt aussahen, als ob sie kurz vor dem Eimer wären. “Was tringsn da?” wurde der Gespräch eröffnet. “Appolinaris”, meine Antwort, auf die ich ein “was willsn mit sunner Franzosenpisse?” erntete.
Trotz der Tatsache, dass ich einen albernen Cowboyhut trug und dazu eine Sonnenbrille, wurde ich von Passanten tatsächlich wiedererkannt. Ich glaube, nächstes Jahr trage ich eine Scream-Maske.
Aber man muss sagen, dass das anschließende Straßenfest auf dem Jungfernstieg schön war und man die Sonne am Alsterufer genießen konnte. Man durfte allerdings bloß nicht auf die Idee kommen, irgendwas flüssiges kaufen zu wollen - jedenfalls nicht, wenn man naiv einfach losgelaufen ist. Es gab nämlich scheinbar geschlechtsspezifische Jeverstände. Am ersten bedienten die besoffenen Lesbobabes auch nur diejenigen Frauen, die sich mit knappen Top oder aber auch mal gar nix anstellten. Beim zweiten war ich schlauer und hab dem hässlichen dicken Entlein, das verloren den Zapfharn putzte, zweimal zugezwinkert und bekam meine Cola.
An einem Parteistand entdeckte ich die Frau, die mir intime Geheimnisse aus dem Sexualleben mit ihren schwarzen Ehemännern ungefragt anvertraut hatte. Ich versuchte, die anfallenden überschwänglichen Begrüßungen im Keim zu ersticken und guckte verlegen zu ihrem Opfer, dem sie gerade eine Unterschrift zur Aidsprävention abringen wollte. “Nun unterschreib doch ma!” Vorwurfsvoll stützte sie sich auf die Sektflasche, die sie mittlerweile mehr oder weniger unverhohlen auf dem Tisch stehen hatte (ohne Glas). Als ihr Opfer den Fehler beging und sie fragte, wie lange sie denn wohl noch hier sein würde, beugte sie sich über den Tisch (Pattscher an der Flasche), stieß eine Wolke aus Sprit aus, die selbst mich umnebelte, obwohl ich einen Meter neben ihr stand und meinte: “Schassi, ich bin immer hier… kanns jederseid wiherkomm!”
Peinlich berührt habe ich die Biege gemacht und bin nach Hause gefahren, Abendessen und ausruhen, bevor es die letzte Bastion zu erklimmen galt: Die unwahrscheinlich unbeschreibliche Aftershow-Party.
Für unbeschreiblich günstige 10 Euro (an der Abendkasse 12) wurde mir Einlass gewährt auf das riesige Areal des Edelfettwerks, das wirklich nett hergemacht eine sehr schöne Abendkulisse für eine Party bietet (Man darf allerdings auch hier nicht auf die irrige Idee gekommen, was zu trinken bestellen zu wollen. Obwohl ich während der halben Stunde, die ich für die zwei Biere anstand, einiges geboten bekam: Ein selbst betitelte “Manager einer großen Firma” stritt mit der überforderten Barfrau um den Gehalt des Wodkas in seinem Drink. “Nee komm, mach man nochn bisschen mehr rein. Is auch teuer!” war das schlagende Argument, dass er noch einen Schuss mehr bekam und dann auch artig meinte: “Du, das find ich voll toll von dir. Sehr professionell, meine Liebe!”). Natürlich geht es wie bei immer solchen Partys nicht um die Party selbst, sondern um zu sehen und gesehen zu werden. Singles nutzen diesen Abend selbstverständlich für andere Dinge (Habe ich auf dem Klo festgestellt. War der Labrador festgekettet am Rohr?), wenn sie auf dem Straßenfest noch nichts abbekommen haben.
Als mich ein Mann ansprach, dass wir uns doch irgendwoher kennen müssten und dies mit der Frage: “Sach ma, ham wir schon mal gevögelt?” umriss, fiel mir sofort wieder die Podiumsdiskussion ein.
Ob er morgen den Bausparvertrag abschließt?

P.S. Die Fotos des gesamten Spektakels sind auf der einschlägigen Seite von dervanil selbstverständlich zu sehen.

6 Kommentare zu “Tuffi’s Day: CSD 2007”

  1. Dervanil

    Aha… jetzt ist mein Blog also schon einschlägig… Verstehe!

    Zu dem “Mann”, der dich ansprach, sage ich einfach mal nichts… Aber war sehr nett, dein Gesicht während dessen zu sehen.

  2. Hase

    Naja gut, das Männchen :-)

  3. Hauke

    Herr Ehmke, wieso denn so trinkunlustig? Sie scheinen einen Wandel in den letzten Wochen vollzogen zu haben xD
    Bis in 2 Wochen.

  4. Dervanil

    Ach, Sie Hauke… Sie habe ich total vermisst an dem Wochenende… ;)

  5. Hase

    Naja, den Wein brauche ich erst wieder, wenn Sie ins Abitur gehen ;-)

  6. Hauke

    @dervanil Mich? Was soll ich denn auf einer solchen Veranstaltung? xD
    @Herrn Ehmke Meinen sie, dass da da mit Wein getan ist?

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