Ich bin wieder hier….
Die letzte Woche des Semesters ist stets geprägt von den Nachwehen der Klausuren und dem leicht nostalgischen Gefühl, am Ende eines Abschnitts angelangt zu sein. Besonders merkte man das bei Kurt, der am Donnerstag die wahrscheinlich letzte Vorlesung seines Lebens hielt. Dienstag wurden wir noch vom Großmeister in den Hörsaal gerufen, um seine letzte Klausur zu schreiben. Getreu “was ich noch sagen wollte” durfte man 10 wundervolle Aufgaben bewundern - und nicht vergessen, sie vor Verzückung auch zu lösen. Wie gewohnt spann Kurt einen großen Reigen, angefangen von der Herleitung der Hamiltonfunktion eines geladenen Teilchens im elektromagnetischen Feld, über molekulare Schwingungen im Morsepotential und Kreiseltheorie bishin zu Eulerschen Bewegungsgleichungen war mal wieder alles versammelt. Als Kurt sich selbstgefällig in seinen Stuhl lümmelte, verdunkelte sich der Himmel und die Himmelsschleusen öffneten sich. Leider hatte Kurt nach zwei Stunden keine Aufgabe mehr und so machte ich mich im strömenden Regen auf zum Desy. Heute durfte ich Versuchskaninchen spielen und einen neuen Versuch erproben. Ich konnte mein Glück nicht fassen, im Raum mit meinem Versuchspartner zusammen mit der Flasche von Versuchsassistent alleine den Nachmittag zu bringen zu dürfen. Der kleine süße Junge war mal wieder so aufgeregt, dass er sich erstmal einen Tee brauen musste und dann gings auch schon los. Ungehindert der Information, dass wir den Kurs über Laserphysik noch nicht absolviert haben, wurden wir über virtuelle Gitter in einem Wasserglas ausgequetscht. Der kleine Süße merkt aber vor lauter Aufregung (”Quantenmechanik hab ich nicht geschafft” - “Und wie kommst du dann in die Forschungsgruppe des Laserinstituts?” - “Das weiß ich auch nicht, hihi…”) gar nicht, dass man längst nicht mehr zuhört. Nach zweimaligen Versuchen, ihm zu erklären, dass wir keine Ahnung über das Gebiet haben, fragte er weiter und weiter. Mein Versuchspartner spielte mit einem Stift und ich guckte angestrengt aus dem Fenster. Als nach 10 Minuten Schweigen niemand etwas sagte, beendete ich das Spiel mit “Nun spucks schon aus, die Spannung ist ja unerträglich!” und beleidigt ging unser Süßer wieder Tee brauen. Irgendwann war der Unsinn vorbei und damit auch meine Karriere in den Versuchslaboren des Desy. Endlich.
Mittwoch war einer der heroischen Tagen. Scheinvergabe im Theoriekurs über Quantenmechanik. Wir haben so manche Aufgabe gelöst, aber sind nie auf die Antwort der Frage gekommen, ob Herr Doktor nur ein einziges Hemd besitzt. Feierlich stand Herr Doktor vorne und einem Ritterschlag gleich wurde einem der große Leistungsschein überreicht. Da sind also die Studiengebühren hingewandert: Die Scheine, komplett in Farbe mit dickem Emblem.
Donnerstag brachten wir die Feierlichkeit hinter uns: Klausurrückgabe von Kurt. Mit einem bitteren Nachgeschmack nahm ich zur Kenntnis, dass es anscheinend komplett egal war, was man geleistet hatte und die größten Trottel bekamen den Schein. Ob jemand, der in beiden Klausuren, in denen zusammen 170 Rohpunkte erzielt werden konnten, ganze 45 schreibt und dann mit sunnem Zettel den Kurs verlässt, halte ich doch für ein bisschen gewagt. Da fragt man sich, ob man das Ganze nicht auch einfacher hätte haben können. Kurt nennt das einen “Engagement-Schein”. Ich nenne es hinterher geworfen.
In der angekündigten “allerletzten” Vorlesung von Kurt erwartete ich fast, dass er anfing zu heulen. Ein letztes Mal entführte uns Kurt in sein kryptisches Tafelbild, die netten Anekdoten aus seiner Zeit des geschäftsführenden Direktors des 1. Theoretischen Instituts und natürlich - wie könnte ich es vergessen - die tiefen Gehemnisse der Quantenmechanik. Wie immer fragte ich mich, warum der Mann denn nicht einfach dann auch die Vorlesung zur Quantenmechanik liest, wenn das eh eigentlich alles ist, was ihn interessiert? Student: “Ja, man könnte doch jetzt numerisch versuchen, hier …” Kurt: “Für jemanden wie mich, der aus der Quantenmechanik kommt, ist das unverständlich!” Nachdem wir schon die Feyman’sche Pfadintegralmethode, die Spinorgruppe und das Analogon der Eikonalgleichung durchgekaut hatten, kamen zum Schluss und krönendes Highlight die Heisenberggleichungen. Und so endete die Ära von Kurt mit dem Hinweis, dass man ja noch einen kleinen Ferienkurs machen könnte, da ja nicht alles geschafft worden sei.
Vor lauter Sentimentalität stellte ich mich dann noch bis 18 Uhr in die Uni und brach mit meinen Studenten zu einer rauschenden Reise durch die Analysis auf. Wir machten an ein paar diskreten Stellen halt und besprachen dazu die Wegstrecke anhand eines Lageplans (auch Aufgabe genannt).
Und Freitag betrat ich frohlockend das Gebäude und kämpfte mich in den dritten Stock, wo ich schon die Witzfigur von Übungsgruppenleiter zur Festkörperphysik verzweifelt an der Tafel stehen sah. Ich hatte durchaus schon überlegt, ob ich zur Feier des Tages einen Anzug tragen sollte. Nie wieder würde ich diese Inkompetenz, diese Schlampigkeit und nie wieder Festkörperphysik selbst ertragen müssen. Aber in der letzten Sitzung lief das Mobbelchen doch zur großen Form auf: Er war vorbereitet! Mit Unterlagen! Wahrscheinlich hat er die 0 Punkte bemerkt, die ihm jemand bei der Evaluation gegeben hat
Aber auch heute machte Mobbelchen dem etwas absolutistischen Satz “schwach angefangen, stark nachgelassen und die Hälfte schon wieder vergessen” alle Ehre. Ausarbeitungen falsch, Tafelbild beschissen, rhetorische eine Niete. Bei einer Frage stützte er seine Pattscher mit den abgenagten Fingernägeln auf meinen Tisch. Ein letztes Mal umwehte mich eine Wolke von ungewaschener Kleidung und eingeschlossenem Körper, einem billigen Axe-Deo, gemischt mit dem durchdringenden Geruch einer vollgepissten Jeans. Auch dieses Mal gab er sich die Blöße, die Aufgaben selbst nicht verstanden zu haben. “Ich hab lange überlegt, aber ich habe die Aufgabe nicht lösen können!” - Diesen Satz bekamen wir das gesamte Semester mehr oder weniger (meist weniger) klausuliert zu hören. Wenn mein Übungsgruppenleiter selbst zu dämlich ist, die Aufgaben zu lösen, hat der Veranstalter dann nicht den Sinn einer “Übung” verfehlt, als er den Trottel einstellte? Man sollte doch hier die Möglichkeit haben, Fragen zu stellen und meistens hatte ich eher das Gefühl, dass Mobbelchen selbst die eine oder andere Frage hatte. Aber Ende gut, alles gut: “Ich hab die Scheine mit!” Schlagartig nahm ich eine geordnete Haltung ein und starrte gebannt auf Mobbelchen. “Das kommst du ja mal richtig aus dir heraus… willst du noch was sagen?” - Hase: “Nee, dazu fällt mir nun wirklich nichts mehr ein!”
Geschafft.
P.S.: Einen lieben Gruß übrigens an meine Lesergemeinde aus Dortmund. Ein unerschöpflicher Quell der Freude. Weiter so. Du schaffst es immer wieder, mich zu überraschen. Ich weiß, ich war 2004 nicht auf der Beerdigung. Ich glaube, deine lasse ich auch aus. Arschficker haben da ja eh Deiner Ansicht nach nichts zu suchen.