“Sie können das Blatt auch quer legen!” - oder ein Wochenrückblick
Montag
Vormittags gelernt, kurz in der Uni gewesen: Zettel zur Übung von Kurts großer Vorlesung abgegeben und seine Vorlesung gehört in der Hoffnung, etwas über die am Dienstag anstehende Klausur zu erfahren. “Können Sie was zur Klausur morgen sagen?” - Prof: “Nö!”.
Danach bis um 16:00 Uhr meine verzweifelten Studenten unterrichtet. Erfahren, dass sie selbst zu blöd zum differenzieren sind.
Ab 16:30 - 18:00 Uhr Vorbereitung fürs große DESY-Praktikum. Beschlossen, das neue Heft zu vergessen, da keine Zeit, die acht-seitige Vorbereitung zu schreiben.
Ab 20:00 Uhr Lektüre von Kurts Skript und paralleles Lernen aus Büchern. 24:00 Uhr: Heiapuh.
Dienstag
Vormittags gelernt. Kann Herleitung der Lagrange-Gleichungen aus Hamiltonprinzip auswendig. Um 12:00 Uhr (eine Zigarettenschachtel später) Aufschlagen im Theoretischen Institut. Kurt ist schon da und wirft die zusammengetackerten Zettel auf die Tische. Merkt, dass er eine Kopie zu wenig hat. Macht ja nix. Auch nich, dass eine Aufgabe vollkommener Schwachsinn ist. Fällt Kurt aber nich auf. - Vorschau auf Freitag abend: Wundere mich immer noch, mit welcher Intention einige Aufgaben auf dem Klausurbogen Eingang gefunden haben. Was hat das 3. Keplergesetz und seine eingeschränkte Gültigkeit mit der Vorlesung zu tun? Genauso die Frage nach den Erhaltungsgrößen eines Massensystems im Gravitationsfeld, das sich auf einem Quader bewegt. Gibt keine. Wie lustig. Trotzdem kritzel ich die ganzen Seiten voll. Um 14:30 Uhr sitze ich im Bus nach Bahrenfeld - die DESY-Tour.
Letzter Versuch der Löt-Reihe. Der Assistent beginnt den Versuch mit “ich hab mir sagen lassen, dass der Versuch ganz schnell geht!” Damit signalisiert er, dass er mal wieder keine Ahnung hat, was zu tun ist. So ist es auch. Um 19:00 verschwinde ich entnervt nach draußen, um eine zu rauchen. Ab 18:00 Uhr werden übrigens im Laser-Institut die Türen automatisch dicht gemacht. Hab ich auch rausgefunden. Überlege, ob ich schon eine Halluzination habe, als zwei Sportler in Turnhosen durch das Institut laufen. Scheinbar nicht, denn sie lassen mich wieder rein, da die Türen von innen geöffnet werden können. Stehe dann allerdings eine gute Viertelstunde vor dem Praktikumstrakt, da auch die abgeschlossen ist, bis einer auf Klo muss und ich im Gang stehend gesehen werde. Um 20:30 Uhr verlasse ich maulig die Veranstaltung und bin um 21:00 Uhr zu Hause. Bis Mitternacht: Sitze am Schreibtisch und rätsel über die kryptische Aufgabe zu den Heisenbergoperatoren.
Mittwoch
7:30 Uhr. Sitze am Schreibtisch und löse die Aufgabe zu den Heisenbergoperatoren. Bringe meine Lösungen zu Übungsserie 7 bis um 10:00 in eine leserliche Form und fahre ins theoretische Institut. Unser hochmotivierter Übungsleiter in der Quantenmechanik kritzelt Tips zu den neuen Aufgaben an die Tafel. Es geht um die Kovarianz der Schrödinger-Gleichung unter Lorentzeichung. Wir erleben einen intellektuellen Orgasmus der Quantenelektrodynamik. Danach wird das vorletzte Aufgabenblatt besprochen, nachdem das letzte abgegeben wird. Ich werde hellhörig. Jetzt müsste die große Offenbarung erfolgen hinsichtlich der Zeitentwicklung des furchtbaren Gaußpakets mit diesen komischen Faktoren im Exponenten, die die Rechnerei schier unmöglich machen. Ich habs damals nach dem fünften Versuch aufgegeben, da die zweite Fouriertransformation leider keine quadratintegrable Funktion unter dem Integral ergeben hat, wenn man den Erwartungswert des Ortsoperators ausrechnen möchte/muss. Mit schreckgeweiteten Augen registriere ich die Lösung unseres Übungsleiters, der statt 1/wurzel(a*wurzel(2pi))*exp(-(x-x0)^2/4a^2 + i/h(quer)p0*x) nach der ersten Fouriertransformation einfach A und B für mehrgliedrige Ausdrücke schreibt, die sonst gar nicht in eine Zeile passen. Zuhause rechne ich nach, dass das leider auch zu meinem besagten Problem führt. “Sehen Sie, wenn das alles so länglich ist, dann legen Sie doch einfach beim Rechnen das Blatt quer, dann passt die Gleichung eher drauf und es ist übersichtlicher, als wenn Ihre Integrale über fünf Zeilen gehen!” An diese Möglichkeit hatte ich noch nie gedacht. Wie auch immer, es steht letzendlich an der Tafel ein riesiger Ausdruck, den man nun integrieren müsste. Student: “Ist das denn auch so und so richtig?” - “Kann ich nicht nachprüfen. Wie soll man diese Aufgabe eigentlich korrigieren… - Ich kopiere Ihnen meine Lösung!”
Gestärkt von diesen intellektuellen Höhenflügen ab 15:00 das Kontrastprogramm in Form der verblödeten Schüler, die nicht in der Lage sind, die Gerade y = 2x - 3 zu zeichnen. Im Laufe des Nachmittages stelle ich fest, dass auch der Leistungskurs zu blöd zum differenzieren ist. Aber immerhin kann die neue Folge von Will&Grace zusammengefasst werden. Immerhin ja was.
Um 19:30 sitze ich in dem schmuddeligen Zug nach Hause.
Abends sitze ich sogar nur bis um 23:30 Uhr am Schreibtisch, nachdem ich noch für Kurt ein Funktional minimiert habe unter isoperimetrischer Nebenbedingung. Free und easy sozusagen.
Donnerstag
Wie immer ist am Donnerstag um 8:30 das große Prüfungskolloquium, das Kurt herablassend “Übung” nennt. Wie immer gibt es neben den abzugebenden Aufgaben eine, die mündlich vorzubereiten war und wahllos wird einer aus der Gruppe nach vorne zitiert, der dann Rede und Antwort stehen muss, wobei die Aufgabe nur schmückendes Beiwerk ist.
Heute allerdings gibts die Klausur wieder. Um mich herum platzen die Träume wie Seifenblasen. Kurt lässt auch irgendwann bei mir die Zettel auf den Tisch segeln und mit großer Verwunderung und Freude registriere ich, dass ich offenbar gar nicht schlecht abgeschnitten habe, auch wenn mir die dumme folgende Aufgabe Punktabzug gebracht hat (naja, es gab ja noch fast ein Dutzend anderer Aufgaben):
Betrachten Sie ein ebenes mathematisches Pendel der Masse m und der Pendellänge l. Das kartesische Koordinatensystem sei wie üblich so gewählt, dass die y-Achse in Richtung des Erdmittelpunktes zeigt. Der Aufhängepunkt A dieses Pendels führe auf der y-Achse periodische Schwingungen mit der Amplitude a und der Kreisfrequenz omega aus. Stellen Sie die Lagrangegleichungen auf.
Wie sich herausstellte, hat Kurt das Ding im Fernsehen letztens gesehen. Stolz wird berichtet, dass die Mönche so das Weihrauchschwänken vollziehen auf diesem Pilgerpfad in Italien. Als ob die Mönche erst mal diese nicht-lineare Differentialgleichung 2. Ordnung lösen würden, wenn sie mit diesem Zeugs rumpüttschern.
Bis um 14:00 Uhr rumlungern in der Uni. Vorlesungen hören und dann schreckliches Seminar, in dem allerlei Leute irgendwas vor sich hin stottern.
Bis abends Schreibtischarbeit.
Freitag
Ich bin so erschlagen, dass ich großzügig die Festkörperphysik-Übung bei diesem Gott von Übungsleiter ausfallen lasse.
Um halb zwei will ich nach Oldesloe fahren. Wird aber doch erst viertel nach zwei was, da die beschissene Bahn mal wieder nix auf die Beine bekommt. Unterrichten in der Nietenbude. Um halb sieben die gleiche Fahrt in die andere Richtung. Zug fällt aus. Um halb neun bin ich zu Hause.
Und da sage noch mal jemand, wir würden ja eh nix tun.
am 28. Mai 2007 um 18:58 Uhr.
Wer ist denn Kurt? Ausserdem ist differenzieren auch echt dumm. Ich bin mir sicher, dass es dafür schon lange ein Programm gibt, welches mir das abnehmen könnte! Naja zum Glück haben Will&Grace wieder zusammen gefunden dank der Mithilfe von Jack und Karen. Jetzt kann ich mich wieder in Ruhe den Mathehausuafgaben widmen.
LG
Hauke
am 29. Mai 2007 um 09:51 Uhr.
Hauke - wenn Sie nur halb so viel über Differentialrechnung wüssten wie über diese albernen Tuffisendungen, dann würde ich schon jubelnd ums Haus laufen.

Es gibt aber tatsächlich mehrere Programme, die Ihnen die ebenso albernen Ketten-, Produkt-, und Quotientenregeln vorführen, aber die eine Zeile können Sie ja wohl auch noch schriftlich rechnen…
Denken Sie auch schön an die Aufgabe, die Sie morgen abliefern sollen…
Sie müssen wirklich was tun, sonst landen Sie bei M&H vor dem Handyladen neben den Türken!
am 29. Mai 2007 um 19:11 Uhr.
Ha sie werden es nicht glauben, aber ich bin seit gestern dabei Mathe zu lernen. Und ihre komische Aufgabe hab ich auch schon angeguckt, vielleicht schaff ich da ja noch was. Erstmal muss ich die anderen Aufgaben fertig machen. Naja und bevor ich DA lande muss schon viel passieren.
LG und bis morgen
Hauke
am 13. Juni 2007 um 14:50 Uhr.
Na da scheint aber einer sehr enttäuscht vom Leben zu sein. Kopf hoch!