Neues aus der Nietenbude
Das dicke Mädchen sitzt immer noch da. Die Haare - so fettig wie einst. Mir ist, als ob die Tage nie verstrichen wären. Wir quälen uns durch die Prozentrechnung. “Ey, scheiß-Aufgabe hier… und sowieso. Hatten wir nich!” Nee, stimmt… Erst seit der 7. Klasse zyklisch immer wiederkehrend wie ein Alptraum. Wie auch vor drei Monaten scheitern wir an meiner tollen Aufgabe: “Artikel X (für die Hauptschule: 7 Klasse = Zigarettenpackung, 8. Klasse = Antibabypille, 9. Klasse = Kosten der Abtreibungsklinik; Realschule: Wendyheft und Gymnasium: Die Menge X) wird um 10 Prozent erhöht und dann um 10 Prozent reduziert. Wie teuer ist X?” Es fällt ihr eine fettige Haarsträhne auf die dicke Backe, als sie sagt: “gleich teuer!”
Gegenüber sitzt das andere Extrem: Nuttig aufgedonnert bis unter die gefärbten Haarspitzen zielt sie mit der Nagelpfeile auf das Monstrum: “Is doch scheiß egal, ey… ich kauf immer, wenn der Preis runter geht! Diesen Gucci-Schlüsselanhänger gabs damals sogar für umsonst dazu!”
In der anderen Raumrichtung lauert die nächste Gefahr für meine Nerven: Der Fünftklässler schlackert spastisch mit dem Kopf hin
und her und lässt die Zunge heraus hängen. Auf meine Ermahnung ernte ich ein “immer locker durchn Schlübber!” als Antwort. Für einen Moment habe ich das Bild eines blutverschmierten Baseballschlägers vor Augen.
Von Seiten der Eltern nimmt man das Ganze äußert “locker durchn Schlübber” hin. Es wäre ja nicht so, dass man mit den Eltern kein Gespräch gesucht hätte. Wagemutig habe ich sogar den Besuch eines Psychologen vorgeschlagen. Ich sehe die Mutter noch vor mir, wie sie mit zusammengepressten Knien von der Karriere ihres Sohnes sprach wie etwas Gottgegebenes und sie der Meinung ist, dass sich ihr Sohn schon gebessert habe, “seit wir seinen Vater … seit er und ich das Schwein hinter uns gelassen haben… -” Im gleichen Atemzug teilte sie mit, dass sie jetzt ja auch wieder eine Ganztagsstelle hat (”es ist ja auch alles so teuer” - mit bedeutungsschwangerem Blick auf den Raum). Kein Wunder, dass sie dann davon ausgeht, dass alles “locker durchn Schlübber” ist, wenn sie ihren Sohn nie sieht.
Nach insgesamt 90 Minuten habe ich es überstanden und darf freudig feststellen, dass alle Kinder auf die Tür zusteuern.
Als nächstes rollert die 11. Klasse an. Da letztes Mal doch recht hohe Fehlzeiten mir auffielen, interviewe ich die Schüler, wo sie denn wohl waren: Das Mädel lümmelt sich im Stuhl und spielt sich am knappen Top rum, als sie meint: “Tja ne, da konnte ich nich… war glaube ich wegen Schule oder sunner Scheiße!” Mit einer obszönen Mundbewegung in Richtung seiner Vorrednerin offenbart ein Junge, dass er “beim großen Bewerbungstest” war. Auf meine fragenden Blicke hin werde ich aufgeklärt: “Na fürn Sport-Leistungskurs, ey. Da nehmen sie nich jeden…!” Um das Ganze nicht weiter ausufern zu lassen, werfe ich einen Arbeitsbogen auf die Tische. “Damit Sie nicht bald noch mehr Bewerbungstests machen müssen…”
Also Fazit: Alles wie gehabt. Free und easy und locker durchn Schlübber.
am 18. Mai 2007 um 13:25 Uhr.
Dabei ist die Prozentrechnung doch sooooooooo trivial….. :’(
Wie wäre es dann mal wieder mit etwas neuem über Tuffi und seine Leistungen?!