Was für ein Mann

Für einen eher theoretisch angehauchten Physiker sind Vorlesungen in Experimentalphysik mehr ein notwendiges Übel als gern besuchte Veranstaltungen. Die Vorlesung zur Festkörperphysik toppt allerdings momentan alles. Die Vorlesung als Solche ist schon eine Zumutung: Herr Professor Doktor versucht hingebungsvoll, allerlei Eigenschaften von Festkörpern in die Köpfe seiner Zuhöhrer zu manifestieren und da es ja alles so schlimm ist, lockert er seine Vorlesung gerne mit eher fragwürdigen didaktischen Mitteln auf. Fragwürdig deshalb, weil man aus der Vorlesung geht und sich fragt, ob es jetzt wirklich hat sein müssen, 30 Minuten über das Vermögen von Gekkos, sich an der Wand festzusaugen, zu referieren oder über seine jugendlichen Reisen nach Idaoberstein, da es dort doch die schönsten Diamanten gibt. Auch bei den wöchentlich zu bearbeitenden Übungsaufgaben vermisste ich jene Fragen nach den Kosten, ein NaCl-Kristall zur Anschauung herzustellen, oder die Berechnung der thermisch bedingten Ausdehnung eines Erdölschiffes; schmerzlich enttäuscht war ich über das Fehlen des Rätsels, warum Herr Professor Doktor keinen Führerschein besitzt. Am meisten schockiert bin ich allerdings, dass mir niemand erklärt hat, warum ich es verdient habe, einen überaus ach so kompetenten Übungsgruppenleiter zu bekommen.
Schon die äußere Erscheinung lässt mich schier in Extase geraten: Abgebrochene 1,70 und Kampfgewicht bestimmt 80 Kilo. Als Unterstreichung seines gepflegten Äußeres darf sein Gegenüber einen verfilzten, wuchernden Bart bewundern und speckiges, ungewaschenes Haar, das elegant mit einen 10-cent-Gummiband zu einem chicken Zopf geschnürt ist. Auch sein Kleidungsstil ist modisch und ansprechend: Seit Semesterbeginn trägt man einen in beige gehaltenen Kaputzenpulli (als Accessoire mit Taschen vorne, damit keiner sieht, wenn er Faust ballt, wenn er eine Frage nicht beantworten kann) und irgendwelche abgewetzten Winterstiefel, die so fertig sind, dass man kein Schuhband mehr durch die Ösen führen kann.
Gestern hat man sich allerdings ins Zeug gelegt, denn die Sitzung musste frühzeitig wegen einer Wohnungsbesichtung abgebrochen werden. Als unser Leiter direkt vor mir stand und ich Einblick in seinen falsch zugeknöpften Hosenschlitz und das fast faustgroße Loch der Jeans nahe des Schritts gewann, habe ich neben der Bekämpfung des Brechreizes überlegt, spontan mitzukommen und dem Verantwortlichen dringend davon abzuraten.
Auch fachlich kann man unseren Übungsleiter eigentlich nur in den höchsten Tönen loben:

Es geht um einen bestimmten Bindungswinkel. Neben dem Ausrechnen dessen ist auch die Frage nach Beispielen aus der organischen Chemie, wo dieser besagte Winkel auch auftritt. Stolz verkündet er: “Methan! Auch Ammoniak!”
Hase: “Also bei der sp3-Hybridisierung!”
Übungsleiter: “Das weiß ich jetzt nicht…”
Hase: “Methan und Ammoniak haben doch nur diesen Winkel, weil sie sp3-hybridisiert sind!”
Übungsleiter: “Oh…”

Zur Auflockerung zeigt man tolle Computerausdrucke von irgendwelchen Experimenten, die er im Zuge seiner Diplomarbeit macht. Lang und breit versucht unser Übungsleiter stotternd, irgendwas zu erzählen. Im Plenum taucht die Frage auf, ob man dem Effekt einen Namen geben könnte. Es folgt ein Rätselraten.
Hase: “Das ist doch der Skin-Effekt, oder nicht?”
Übungsleiter: “Ach ja, so heißt der. Woher weißt du das denn schon?”
Hase: “Das hat man in der 9. Klasse!”
Übungsleiter: “Oh…”

In einer Aufgabe soll man die Mollwo-Beziehung durch eine doppelt-logarithmische Graphik erläutern. Meine Lösung wird als “nicht nachvollziehbar” korrigiert.
“Ja, wie soll das denn gehen, wenn da nen exponentieller Zusammenhang besteht? Das ist ja ne Gerade bei dir!”
Hase: “Ja klar… Wenn man beide Seiten der Gleichung logartihmiert, kommt ja auch ne Gerade raus…”
Übungsleiter: “Echt?”

Auch Allgemeinwissen steht hoch im Kurs. Zur zusätzlichen Spannung wird bei einer Aufgabe wahllos irgendein Student nach vorne gerufen.
“Wie heißt du denn?”
Der Student brummelt irgendwas unverständliches und nach erneutem Fragen bekommt er zur Antwort: “Wie unser ehemaliger Präsident!”
Der Student rechnet irgendwas an der Tafel und wird letzendlich entlassen. Der Übungsleiter muss jetzt noch auf seiner Liste einen dokumentierenden Strich machen und fragt: “Schröder war der Name, oder?”

Ohne Worte.

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