Füssick - jenseits der Donnerkuppel

Man muss lernen, sich den vorherrschenden Ansprüchen anzupassen, wenn man in den heiligen Hallen bestehen möchte. Mit unter sind doch gewisse Unterschiede zu verzeichnen:
Während man bei unserem neurotischen Praktikumsleiter am besten das Heft gar nicht erst aus der Hand gibt, wenn die dritte Dezimalstelle des Gauß-Fehlers abweichen könnte von der Musterrechnung unseres Meisters, ist es dem Herren, der momentan meine Versuche im Praktikum II betreut, anscheinend alles herzlich egal. Mühevoll und unter Magenschmerzen ob der Richtigkeit der zusammengestückelten Ergebnisse gab ich mein 40-seitiges Protokoll zu dem beschissenen Galvanometer-Versuch ab und wartete das große Donnerwetter ab, dass die Werte ja niemals stimmen könnten. Aber Herr Praktikumsleiter schaffte es, sämtliche Protokolle innerhalb von zwanzig Minuten zu korrigieren, während er davon wahrscheinlich 15 lethargisch aus dem Fenster stierte. Selbst Leute, die irgendwie gar keinen Hauch einer Idee hatten, wie sie die ganzen merkwürdigen Messdaten zu einem ansehnlichen Klumpen von Ergebnissen zusammenpfriemeln konnten, bekamen ein Endtestat. Leicht maulig traf ich zum Schluss unten in der Halle wieder unseren Maestro, der auch ganz andere Sorgen hatte: Es war mal wieder “alles Scheiße”. Seine neuen Schützlinge machen den letzten Versuch am Abschlusstag, obwohl er doch dann eigentlich schon die Auswertung korrigieren und die Scheine verteilen soll. “Wie soll ich das denn machen? Da müssen wir den Versuch schon drastisch kürzen. Man soll das ja mit gelben, rotem und grünen Licht machen. Ich denke, wir ändern das um auf schwarzes Licht - dann sieht man nix!”
Höhepunkt der Woche ist unschlagbar die große Übung zur theoretischen Quantenmechanik. Aber auch hier herrschen interseminare Differenzen. Herr Doktor scheint sich für die Physik hinter der Operatoralgebra eigentlich gar nicht zu interessieren. Schon in der ersten Stunde bekamen wir eine eindrucksvolle Show der Funktionalanalysis geliefert. Mittwoch sprachen wir sogar über Hauptidealringe auf hilbertschen Strukturen. Sehr schön, meine Hoffnung hob sich, dass die Theorie vielleicht doch einmal exakt abgehandelt werden würde. Beflügelt von den Exkursen in Disziplinen, die irgendwie über den Dingen schweben, verformte sich sein Gesichtsausdruck doch, als wir auf die Besprechung der Aufgaben kamen und ein Mädel stolz an der Tafel einen Zweizeiler zur Photonenleistung anschrieb und auf das große Lob wartete. “Äh… [guckt verwundert auf den Aufgabenzettel], ja.. äh.. die Aufgabe war dann ja nicht so der Brüller!” Im weitern Verlauf musste ich mit der Erkenntnis leben, dass ich mir das Leben mal wieder zu schwer gemacht hatte: Statt hingebungsvoll die einzelnen Beziehungen herzuleiten, schrieben die Leute stümperhafte Ausdrücke an die Tafel, die sie wahrscheinlich irgendwo aus dem Internet geklaut hatten und zu deren Bedeutung ihnen auch nicht mehr als ein Schulterzucken einfiel.
Aber naja, man kommt ja auch so irgendwie durch - habe ich gestern abend erst wieder auf der Taufe dieses Kreuzfahrtdingens gesehen, als die Lasershow von einem kleinen Türkenjungen (mit billigem Bier in der Hand) mit “Ey, das Licht geht ja direkt bis zum Mond, Alla ey!” kommentiert wurde. Man muss sich halt nur anpassen ;-)

Ein Kommentar zu “Füssick - jenseits der Donnerkuppel”

  1. andrea

    Huhu,

    das “Ding” nennt sich “AIDA DIVA” !!!
    Der Name sollte Dir gefallen - und wer weiß, wenn die Boss-Bommelchen da sind???

    einen lieben Gruß aus BS

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