Die Spielwiese der Akademiker
Professor wird man nicht einfach so. Sie sind die Würdenträger der höchsten akademischen Auszeichnung, betreiben Spitzenforschung an unseren Instituten und haben meist eine Ausbildungszeit von mehreren Dekaden hinter sich. Ein Professor sitzt am liebsten in seinem abgeschotteten Büro, bastelt an seinen Veröffentlichungen oder reißt auf dem Flur mit seinen Kollegen Witze, die ein Normalsterblicher entweder überhaupt nicht lustig findet oder sie nicht versteht. Ins Schleudern geraten die hohen Herren eigentlich nur bei einer Kleinigkeit, zu der sie verdonnert sind: die Lehre. Ohne auch nur fünf Minuten an einem Pädagogik- oder Didaktikkurs teilgenommen zu haben, mit unter einer absoluten Talentfreiheit im Vermitteln von komplexen Sachverhalten müssen sie jedes Semester in den Löwenkäfig, den wir Hörsaal nennen. Viel schlimmer allerdings ist, dass ihnen zum großen Anteil dieser Aspekt ihres Jobs überhaupt keinen Spaß bereitet und ein notwendiges Übel darstellt. Es ist eigentlich vollkommen uninteressant, dass es hierbei um das Heranzüchten der eventuellen neuen Elite ihres jeweiligen Faches geht und nicht um das Abfertigen postpubertärer 11. Klässler. Lustlos wird eine zusammenkopierte Folie nach der nächsten über den Projektor geschliffen, eine Gleichung nach der nächsten an die Tafel gedonnert und als Audruck absoluter Abscheu Sätze wie “das ist eigentlich lachhaft, darüber zu reden”, “..wie Sie eigentlich wissen sollten”, “ist ja ganz klar”, “wenn Sie das nicht verstehen…egal” aus dem Mundwinkel geschleudert.
Dass es manchen absolut abgeht, was auf der anderen Seite des Hörsaals los ist, sieht man vor allen Dingen daran, wenn man persönlich an der Gesaltung der Lehre beteiligt ist:
Im letzten Semester galt es, die große Prüfungsklausur zur Vorlesung “Mathematik I für Physiker” zu korrigieren. Nicht nur, dass Herr Prof. Dr. die Klausuraufgaben nicht mal kannte, die in seinem Namen gestellt wurden, hatte er auch überhaupt keine Lust, die zu korrigieren. Irgendwie hat er es tatsächlich geschafft, sich im Arbeitszimmer am Korrekturtag einzuschließen. Als er aufflog und zum Korrekturzimmer gebeten wurde, kritzelte er maulig und lustlos an einer Aufgabe herum, bis er entnervt und beleidigt den Kugelschreiber fallen ließ (”ich hab auch gar keinen Rotstift!”) und verlauten ließ: “Ich will jetzt nicht mehr!”
Als alles fertig war, kam seine Hoheit natürlich in der Armaniweste angeschlendert, deutete auf die feinsäuberlich nach Noten sortierten Klausuren und meinte zu dem hohen Stapel am Ende: “Die haben Sie offensichtlich noch nicht einsortiert, was?” Als er bemerkte, dass das die Leute waren, die durchgefallen waren, verließ Herr Prof Dr so schnell das Zimmer, wie er es betreten hatte.
Über den peinlichen Zwischenfall bzw das ausser Kontrolle geratene Streitgespräch des Postdocs und dem Professor möchte ich auch an dieser Stelle lieber den Mantel des Schweigens breiten…
Man braucht auch gar nicht lange zu suchen, bis man ein weiteres Paradebeispiel findet: Schon vor Beginn der Semesterferien teile ich Herrn Dr. mit, dass ich die für 8:30 Uhr anberaumte Veranstaltung nicht würde leiten können, da ich zu der Zeit traditionell eine Vorlesung in Theoretischer Physik habe. Ungeachtet der Bedenken (”naja, wird sich schon finden, was?”) landet die Uhrzeit im Vorlesungsverzeichnis. Ich versuche, Herrn Dr. per Email auf die Tatsache hinzuweisen, der mich an einen weiteren Professor, der mit der ganzen Angelegenheit überhaupt nichts zu tun hat (und wenn ich dem Mann eine Email schicke, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sie erhält und liest, größer, wenn ich eine Nachricht auf einem Zettel aus dem Fenster halte und hoffe, dass der Wind sie zu ihm tragen wird) sowie an den Koordinator der Raumverteilung verweist. Der Koordinator war clever und die offizielle Emailadresse existiert gar nicht. Nach einem erneuten Kontaktversuch antwortet mir Herr Dr geschlagene 3 Wochen nicht. Bis heute. Denn heute war ja offizieller Vorlesungsbeginn und ich natürlich um 8:30 Uhr nicht im Institut. Natürlich muss der Berg zum Propheten kommen, und ich fange Herrn Dr. aus seiner Sitzung ab. (”Wann haben Sie denn Schluss?” - “Weiß ich nicht…also ab um 12 Uhr 45 Minuten später” ….) Maulig und zerknirscht stolpert Herr Dr neben mir den Gang entlang, während ich ihn frage, warum ich denn keine Antwort bekommen hätte und was denn nun aus der Sitzung wird. “Ach, ich war sauer. Eigentlich jetzt noch”, ist alles, was ich zu dem Thema von ihm zu hören bekomme. Herr Doktor saß also eingeschnappt wie ein Kind vorm PC und hat extra nicht geantwortet. Ist ja auch egal, dass man sich selbst Gedanken macht. Wahrscheinlich hätte er auch die Veranstaltung einfach unter den Tisch fallen lassen, wenn ich mich nicht gemeldet hätte.
Naja, aber bei soviel Intelligenz ist es ja auch wahrscheinlich, dass gewisse andere Dinge auf der Strecke bleiben.