DESY - die Weihung

Gestern nacht um 2:20 Uhr war es soweit: Ich klebte das letzte Diagramm ein zur Regression eines externen Drehmoments. Vor lauter Freude bin ich doch tatsächlich vom Schreibtischstuhl gefallen, da sich bei dem guten Stück zwei Schrauben gelöst hatten. Da wusste ich, dass jetzt die Zeit gekommen war, die Segel zu streichen.
Um halb elf stürmte ich das Laser-Institut, wo unser eifriger Assistent schon saß und Hefte korrigierte, schließlich mussten heute die letzten Endtestate vergeben werden. Einige hatten noch Altlasten der letzten 12 Versuche zu präsentieren und mein Versuchspartner hatte doch glatt seine PC-Ausrüstung mitgeschleppt, da er die Nacht durchgearbeitet und dennoch nicht ganz fertig geworden war. Mit einem leicht hysterischen Lachen schmiss ich dem Assistenten die Hefte auf den Tisch.
“Ich find das ja Scheiße. Ich meine, was soll ich denn jetzt mit den beiden Versuchen anstellen? Ich kann eh nicht ganz nachkontrollieren, ob alles stimmt und wenn was falsch ist, dann könnte ich nur sagen: Versuchs nochmal nächstes Semester. Ist ja auch alles Scheiße..”, so fasste er zusammen.
Trotz der widrigen Umstände aber bloß nicht nachlassen: Er wäre nicht unser Assistent, wenn er nicht die Exeltabellen von einem Jahr noch hätte, wo einige Leute den gleichen Versuch gemacht hatten. Da er die damals natürlich alle korrigiert hatte, MUSSTEN diese Werte schließlich stimmen. Und dann gings los: Alle drei Versuchshefte unserer Gruppe nebeneinander aufgebarrt schlug die Stunde der Wahrheit an:
“Also irgendwas stimmt da nicht… Ich hab hier für J(0) 0,0127 raus. Du [Hase] hast 0,0128 und du [Versuchspartner] hast 0,0126. Im Grunde also beide falsch.”
Hase: “Naja, das können ja nun Rundungsfehler sein. Schließlich geht die Rechnung über 10 Seiten…”
Assistent: “Naja, gut, ich kann das eh jetzt nicht nachprüfen, was richtig ist. Machen wirs so: Ihr bekommt beide einen Haken und ein falsch…”
Ohne Worte…

Er hat es tatsächlich geschafft und zwei Stunden an den beiden Versuchen herumgedoktert, bis der letzte Haken gesetzt und “Endtestat” drunter geschrieben wurde. Nebenbei erfuhren wir, dass unser Assistent heute noch viel vorhat, denn Saturn hatte ihm eine neue Werbung ins Haus geschickt und es gab nun angeblich den langersehnten USB-Stick für 10,00 €. Ich erinnere mich noch, wie er letzte Woche gewettert hatte, dass er 20 zahlen sollte:
“Ja dann bin ich dahin gegangen und hab dem gesagt, hier von wegen Geiz ist geil, ist doch echt scheiße…”
Vielleicht verdanken wir unseren Schein auch nur der Saturnwerbung, man weiß es nicht, doch dann zog Maestro feierlich aus seiner Tasche den Braunen Umschlag. Ich kam mir fast vor wie auf einer Diplomandenfeier, als er stocksteif vor mir stand, mir die Hand schüttelte, mich beglückwünschte und mir alles Gute für die Zukunft wünschte.
Und das ist nun alles, nach diesen langen und vielen Stunden der Arbeit? Ein halbseitiges billiges Stück Papier? “…hat regelmäßig am Praktikum teilgenommen und 12 Versuche ausgewertet”. Das hört sich an, als ob ich aus lauter Langeweile im Institut mal kurz aufgeschlagen, nen bisschen an sun paar Apparaturen rumgespielt und zwei Sätze auf nen Schmierzettel dazu geschrieben hätte. Da steht nicht, dass ich einen Monat lang kaum etwas anderes getan habe, als bis spät abends am Schreibtisch zu sitzen und irgendwelche schwachsinnigen Tabellen programmiert habe, während andere Leute Playstation spielen. Das stand da irgendwie nicht. Aber auch nicht, dass ich vom Stuhl gefallen bin. Meine Hüfte tut immer noch weh. Naja, Schwund ist überall.

- Um mit den Worten meines ehemaligen Assistenten zu schließen: “Ist ja auch alles Scheiße!”

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