DESY - Ort der dunklen Träume

Noch eine Woche und dann ist es geschafft. Ich komme mir vor wie ein Fließbandarbeiter: Man stolpert montags und donnerstags ins Institut und sitzt den lieben langen Tag vor irgendwelchen Versuchen. Mit jeder Datenreihe, die man aufnimmt, wird man nervöser, weil man weiß, dass jeder Satz ungefähr zwei Stunden Arbeit zu Hause bedeuten. Geschickt versucht man stets, um den letzten Versuchsteil herumzukommen, weil die immer besonders dumpfsinnig und arbeitsauswendig sind (ala “Wiederholen Sie den Versuch einfach nochmal - sind ja nur 80 Messungen und viel Spaß damit!”). Die verbleibenden Tage zu Hause ist man wie eine Geisel an den Schreibtisch gefesselt und schreibt in windeseile zwei Hefte voll. Kurz vor 11 Uhr abends geht dann die Ausdruck- und Einklebeaktion los. Hat auch jedes Diagramm Achsenbezeichnungen? Sind überall die Ergebnisse zweimal unterstrichen? Hat die Standartabweichung oder der Gaußsche Fehler die gleiche Stellenanzahl wie der Mittelwert? Mit flimmernden Augen kontrolliert man Exelformeln von hundert Zeichen. Sind alle Klammern da, wo sie sein sollten? Oh, nee.. Dummen Vorfaktor vergessen… 1/n*(n-1) muss ja noch unter die Wurzel… wie viele Messungen waren das eigentlich?? Achja. Aber dann fällt man ins Bett und träumt sogar noch von den Versuchen. Abartig.
Meinen Versuchspartner treffe ich morgens immer schon vorm Institut. Er ist meist überpünktlich und raucht schon. Kein Wunder, denn er ist ja gar nicht erst im Bett gewesen, sondern saß bis um halb acht am Schreibtisch. “Wie groß ist dein Fehler bei dem RLC-Glied?” begrüßt er mich. - “3,7554 %” - “Gut, hab ich auch.” Das sind die wahren Dialoge zwischen Physikern….

Im Institut für Laserphysik regieren noch alte Traditionen und man kommt sich zeitversetzt wieder wie in der Grundschule vor:
Student: “Sollen wir gleich hier auch die Differenz beider messen?”
Assistent: “Unterstreich erstmal die Überschrift mit Lineal!”

Naja, kein Wunder, denn der stellvertretende Geschäftsführer ist ja schließlich nicht irgendein Professor, nein, der Halbgott hat ja schließlich bei Herrn Hänsch (”Teddy” liebevoll genannt) promoviert, dem jüngsten Nobelpreisträger für Physik (natürlich aus München). Wenn man bei Prof Dr A. H. eine Vorlesung hört, schlackern einem die Ohren. Der Mann im Caschmirmantel ist die letzte Instanz, die Studenten vor dem Vordiplom abhalten kann. Alljährlich im Wintersemester liest der Starprofessor seine Vorlesung zur Experimentalphysik III “Einführung in die Quantenphysik”. Wohlgemerkt Experimentalphysik. Der Starprof zeigt nicht ein einziges Experiment und zieht seine stylische Powerpoint-Präsentation (rund 400 Seiten) innerhalb von 6 Wochen durch. Ich hab das Skript auch noch für tiefere Einsichten in der Theorievorlesung nutzen können. Schließlich muss man als stellvertretender Geschäftsführer das ganze auch ganz genau machen. Ob die Studenten das nun verstehen oder nicht, ist eher nebensächlich…
“Äh…also…äh…Ich..äh..kann Ihnen jetzt nicht noch..äh.. Nachhilfe in Mathematik geben. Äh… also sehen Sie… wir haben hier eine hilbertsche Struktur…äh… unendlichdimensional… und im …äh…Diracformalismus… äh… Fock-Zustände.. äh… Kählermannigfaltigkeiten…” Alles klar? Aber am Ende war die Welt wieder in Ordnung. Die letzte Folie zeigt Teddy in seinem Büro. “ja…äh..danke, meine Damen und Herren!”

Unser Assistent hat andere Sorgen. Er findet generell alles “irgendwie scheiße” und “die sitzen da irgendwo in einer stillen Kammer [die Professoren] und denken sich da irgendwelche Scheiße aus…”.
Beim Mittagessen sitzt er neben uns. Links neben mir schaufelt sich gerade ein dickes Mädchen schmatzend Nudeln in den Schlund. Der Departmentleiter sitzt auch wieder mit seiner pissgelben Cordhose in Reichweite. Vor sich ein Langenscheidt-Dictionary.
Wie werden darüber aufgeklärt, dass der arme Assistent schon um halb sechs aufstehen muss. Auf meinen Einwand, dass er doch erst um kurz vor neun im Institut sein muss, kommt die Erklärung: “Ich werd ja morgens erst wach, wenn ich drei Becher Kaffee getrunken hab. Da brauch ich so lange. Ist zwar scheiße, aber was solls.” Ahja.
Auf dem Rückweg ins Institut werden wir auch aufgeklärt, was unser Assistent in seiner Freizeit tut, nachdem ihn seine Frau (”das Miststück”) verlassen hat: Er bastelt an einer Katalogisierung seiner CD-Sammlung. Stolz werden wir über Gruppen aufgeklärt, die man wahrscheinlich nur in zugeräucherten Hinterhofbars kennt. “Ich hab sie alle… aber nich nur alte, auch neue!”
Hase: “Wahrscheinlich kommt er jetzt zu Shakira!”
Assistent: “Jaja.. die hab ich auch… also ich find die gar nicht schlecht.”
Mein Versuchspartner grinst vielsagend.
Assistent: “Nein, also als ich die das erste Mal auf dem Cover gesehen habe, dachte ich auch: wieder nur ein kleines billiges Flittchen, aber mittlerweile….”
Auf mein Lachen hin dreht sich der Assistent um und fragt: “Ja, was hörst du denn? Modern Talking oder was?”
Ich hör gar nichts. Das hält vom Arbeiten ab. So… Versuch 10…. ;-)

Ein Kommentar zu “DESY - Ort der dunklen Träume”

  1. andrea

    Huhu…….

    dieser kleine Ausflug in Deine “Welt” ist Dir bestens gelungen. Nur die Sache mit “Modern Talking” kannte ich noch nicht an Dir! :-)
    Ich schmunzle immer noch….

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