Hamburg vor der Wahl - Klippschule für alle?
Hase am 20. Februar 2008 um 14:56In Folge meiner persönlichen Situation bekomme ich den Wahlkampf, der bis Sonntag Hamburg unerbittlich schüttelt, hautnah mit. Die Stimmungen sind verbissen, auch wenn man bei jeder Gelegenheit, bei der man von einem unschuldigen Journalisten ein Mikrofon an die Lippen gedrückt bekommt, von den vermeitlichen ekstatischen Erfolgen geradezu überwältigt wird. In Wirklichkeit bibbern die in Zukunft verhofften Abgeordneten. Traurig wird es ja immer, wenn man nach der - eigentlich bei jeder Partei in ihren Augen ausgeschlossenen - Niederlage seinen Schreibtisch räumen und stempeln gehen muss, weil man Zeit seines Lebens es nicht geschafft hat, neben seiner politischen Karriere noch eine Ausbildung oder einen Hochschulabschluss zu ergattern.
Wenig erstaunlich ist es daher, dass die populistisch formulierten Wahlziele jeden Morgen dem Wind nach ausgerichtet werden. Dabei gibt es in diesem Wahlkampf doch so erschreckend wenige davon: Die CDU stellt quasi in Ermangelung eines Programms ihre Leitfigur Ole von Beust auf die Bühne und hofft das Beste. Lässt man die zum teil hoch unsachlichen und hetzerischen Beschuldigungen, die Ole von Beusts Sexualleben oder seine häufigen Reisen nach Sylt betreffen, einmal weg, so beschleicht mich trotzdem ein merkwürdiges Gefühl, wenn der amtierende Bürgermeister in der Wahlkampfhitze in einem Fernsehinterview tatsächlich zugibt, dass ihn der Umweltschutz “ehrlich gesagt nie sonderlich berührt hat”, bis er einen Kinofilm sah. Die FDP spannt Sky DuMont vor den Karren und hofft, dass die wirklich wichtigen Themen schon irgendjemand anderes von der CDU anpackt und lässt Spitzenkandidat Hinnerk Fock Flyer in Handschuhen verteilen (zu einer Passantin: “Mit Handschuhen ist das jetzt schlecht, Ihnen das zu zeigen. Aber Sie finden das schon im Flyer!”) und für die Aufhebung des Rauchverbots in Eckkneipen streiten. Die Opposition macht das, was sie am besten kann: Dagegen sein. Egal, gegen was. Den aus einer innerparteilichen Not in Folge eines Stimmzettelskandals geborenen Spitzenkandidaten der SPD kann man am häufigsten in Begleitung einer der Persönlichkeiten aus Berlin bewundern. Dann muss er wenigstens nichts sagen, was leider im Widerspruch zum Parteiprogramm steht. Die hohen Herren und Damen aus Berlin bemühen sich allerdings parteiübergreifend um die Gunst der Hamburger Wähler in Anbetracht auf die schlimme Wahl 2009: So kam sogar die Physikerin aus dem Osten viermal angereist, um für Ole von Beust zu werben. Obwohl sie doch damals festgestellt hat, dass man Homosexualität zwar tollerieren, aber nicht akzeptieren könne. Naja, ist ja Wahlkampf und der Wind kommt von vorne.
Das Züglein an der Waage allerdings möchten die Grünen werden: Beseelt vom Gedanken der Machtergreifung wird mit schreckengeweiteten Augen festgestellt, dass es eventuell für die Rot-Grüne-Koalition nicht reichen könnte. Die Begründung ist schnell gefunden, so hätten die Linken die ganzen Stimmen gemoppst, Herr Naumann sei vielleicht auch nicht so toll und vielleicht ist ja noch irgendwo eine heimtückische Intrige von “Kohleole” am köcheln, dem Spitzenkandidatin Christa Goetsch locker vorwirft, er könne “wahrscheinlich nur Quickies”. Aber wenn es für Rot-Grün nicht reicht, hat man bei der GAL ein Problem, falls sie verschämt doch mit einem verschmitzten Lächeln zu “Kohleole” rüberschaut: Über was soll man denn jetzt herziehen? 90 Prozent aller Reden, die ich gehört habe, handelten nicht von eigenen Ideen, sondern von den “schlimmen Dingen”, die “Kohleole” verbrochen hat.
Als Letztes haben wir da noch die Linken, die zur heimlichen Auferstehung der DKP avanciert, aber hierin sind sich alle Parteien einmal scheinbar einig: Mit den Linken wollen sie nicht arbeiten, auch wenn sie doch die ganzen Stimmen geklaut haben. Dass es eventuell aber so sein könnte, dass man sich notgedrungen mit den Linken verbünden müsste, um zu einer regierungsfähigen Mehrheit zu gelangen, daran scheint niemand gedacht zu haben. Aber jede Partei erklärt ja sowieso mit einem selbstverliebten Lächeln, dass es schon mit der gewünschten Kombination Rot-Grün bzw Schwarz-Gelb reichen wird, obwohl ich das Gefühl habe, dass der eine odere andere schon im stillen Kämmerlein die Zahlen zusammenrechnet und einen Schweißausbruch bekommt.
Die eher unscheinbaren und eher stiefmütterlich diskutierten Themen des Baus des Kohlekraftwerks oder die auch immer nicht geklärte Frage nach dem Mindesteinkommen oder des sozialen Wohnungsbaus, Elbvertiefung und Co stehen allerdings für mich persönlich im Schatten der drohenden Schulreform. Jede Partei hat für dieses schlimme Thema ein eigenes Leitbild, und das Eine ist schrecklicher als das Andere. Während Deutschland unter dem sog. “Turboabi” nach 12 Jahren und der einhergehenden scheinbar unzumutbaren Belastung der armen Schüler leidet, da die süßen Sprößlinge mit etwa 30-35 Wochenstunden überfordert seien und nur noch zu Hause sitzen und lernen würden (ich hatte übrigens sogar noch Samstags in der Oberstufe Unterricht, saß unter der Woche auch bis um teilweise 16 Uhr im Unterricht - und zwar nicht nur Sport - und geschadet hat es mir mit Sicherheit nicht), kommen geisterhafte Utopien auf den Markt, die Abhilfe schaffen sollen, dass die Hamburger Schulabschlüsse dem Nihilismus verfallen und Schüler mit Migrationshintergrund und solche aus sozial schwächeren Schichten unter einer Chancenungleichheit leiden.
Allen Vorschlägen gemeinsam liegt die Idee der Ausbauung der doch eigentlich offiziell gescheiterten Gesamtschulpolitik zu Grunde. Die CDU träumt von einem zwei-Säulen-Modell, einer Einheitsschule, die munter zusammengewürfelt alle Schüler der bislang existierenden Schulformen etappenweise einen Abschluss hinterwirft und in 13 Jahren zum Abitur führen soll, sowie die erklärte Eliteschule in Form des Gymnasiums, das in 12 Jahren den Schülern das Abiturzeugnis in die Hände drückt. Der Aufschrei des Potests, damit ein “Zwei-Klassen-Abitur” zu schaffen und somit wieder eine Chancenungleichheit zu produzieren, leuchtet ein. Wenn immer die Sprache übrigens darauf kommt, murmelt man sich bei der CDU etwas in den Bart und geht schnell zum nächsten Thema über. Statt sich etwas auf ihren Vorwurf allerdings auszudenken, schreitet man in der Opposition - besonder die GAL prescht mit diesem Thema über die Brüstung - zur weiteren Fokussierung: Wenn Frau Christa Goetsch, ihres flammenden Zeichens ehemalige Lehrerin für Physik, obwohl sie Bio und Chemie studiert hat, den Stuhl der Bildungssenatorin besetzt, dann gibt es sogar gleich nur noch eine Schule, die nach dem Motto “9 macht klug” alle Schüler zusammen unterrichten will, mit dem eindringlichen Hinweis, dass es in Schweden, Finnland und Norwegen doch auch da so gut geklappt hätte. Dass in den besagten Bildungsinseln die äußeren Umstände auch ganz andere, hier nicht zu erreichende, sind, lässt man dabei einfach unter den Tisch fallen. Man hat auch schon ein Vorzeugeobjekt, das bereits klammheimlich nach diesem Vorbild die Jugend verpfuscht: Die Max-Brauer-Gesamtschule. Unter der strahlenden Leitung einer ehemaligen Hauptschuldirektorin sind alle Segel auf easy gehisst: Unterricht als Solches gibt es eigentlich keinen mehr. Die Figur des Lehrers stilisiert zur blassen Aufsichtsperson, klassische Unterrichtsfächer werden zu sog. Lernwerkstätten aufgeweicht. Die Begründung für die Abschaffung der “Schule von gestern” liegt in der doch so ausgeprägten Individualität eines jeden Schülers. Man müsste halt auch einfach mal akzeptieren, dass nicht jeder Schüler in allen Fächern gleich ist, ganz unterschiedliche Begabungen besitze und es gelte, diese zielorientiert auszubauen. Und damit das Ganze klappt, bringen sich einfach die Schüler alles selbst oder gegenseitig, was aufs Gleiche hinausläuft, bei. Wahrscheinlich auf der Grundlage eines ausgefeilten tiefenpsychologischen Profils wird für jeden Schüler (!) ein eigener (!) Lernplan für die Woche aufgestellt, den jeder Lehrer mit jedem (!) Schüler einzeln einmal pro Woche hinsichtlich seiner Fortschrittene und Niederlagen besprechen soll. Somit wird der Lernprozess von dem angeprangerten “Gleichschritt” befreit, denn jeder Schüler macht unterschiedlich lange unterschiedliche Dinge. Es ist natürlich klar, dass die Leistungsüberprüfung dann etwas schwierig wird, und somit gibts es auch keine Noten. Über den Eintrag “ich kann jetzt Brüche kürzen” darf man sich also genauso freuen wie über eine 2. Klassenarbeiten kann es dann natürlich auch nicht geben, denn die Schüler lernen ja schließlich entsprechend ihrer eigenen Individualität und das solange, bis er oder sie dann endlich die geforderten Fähigkeiten aufweisen kann. Es steht vollkommen ausser Frage, dass ein Großteil der Schülerinnen und Schüler offensichtlich nicht in der Lage ist, sich eigenständig Lerninhalte zu erschließen bzw. dass das selbstständige Lernen unzureichend angeprangert wird und das man das auch im Hinblick auf spätere universitäre Ausbildungen bedeutend stärken muss, aber durch die Idee der Selbstautonomie wird den Kindern auch noch ein weiteres Geschenk gereicht: Es ist mir absolut schleierhaft, wie ein Kind, Jugendlicher oder Heranwachsender eine Persönlichkeit ausbilden soll, die ein Behaupten ausserhalb der sicheren Schulhallen ermöglichen muss, ohne mit an ih/ihr herangetrangenen Leistungsdruck fertig werden bzw. dem standhalten zu können. Da man ein Klassenziel natürlich nicht mehr verfehlen kann, drohen keine Sanktionen und wenn der Junge oder das Mädchen halt einfach keine Mathematik mag, dann muss es das halt auch nicht lernen. Es ist ja individuell. Wie möchte man denn da etwas vergleichen?
Mir reichen ehrlich gesagt schon die jetzigen Eskapaden. Die Nietenbude ist gegenwärtig voll von Gesamtschülern, die in Schleswig-Holstein dieses Jahr estmalig das Zentralabitur schreiben dürfen und selbst die Schüler haben schon ein Magengrummeln , wenn sie ihren ehemaligen Hauptschullehrer vorne stehen sehen, der ihnen in der heimischen Gesamtschule im Leistungskurs Themen verschweigen muss, da er selbst nicht in der Lage ist, die lächerlichen Aufgaben im Geometrie-Buch zu lösen - und das auch noch offen zugibt.
Warum denkt eigentlich man eigentlich den eingeschlagenen Weg nicht weiter und beschäftigt sich nur mit den Schülern, sondern auch mit den Lehrern? In Hamburg gibt es seit diesem Wintersemester nicht mehr den ausgewiesenen Studiengang des Lehramts für die Gymnasiale Oberstufe. Im Zuge der großen internationalen Bachelor-Angleichung dürfen zukünftige Lehrer einen Bachelor in einem (!) Fach erwerben und in einem Aufbaustudium (dem Master), werden diese dann erstmalig mit Erziehungswissenschaft und Praktika konfrontiert. Auch die bis dato bestehende Lehrerausbildung in Hamburg lässt mich ab und an sprachlos in den Seminarräumen stehen, wenn ich erkennen muss, dass die mir anvertrauten Studenten der Mathematik mir auch aus unverständlichen Gründen selbst nicht in der Lage sind, in den Seminaren eine simple quadratische Gleichung (Jahrgangsstufe 9) fehlerfrei aufzulösen. Von dem Stoff, um den es eigentlich in den Vorlesungen geht, spricht man lieber nicht. Erschreckend ist auch der Anteil an osteuropäischen Studenten, die der deutschen Sprache auch nur sehr sporadisch mächtig sind und dann vor eine deutsche Klasse treten wollen.
Aber am besten fand ich gestern abend auf Hamburg 1 den Spitzenkandidaten der FDP, der sich bezüglich der Schulform-Frage dahingehend äußerte, dass jede Schule mal selbst entscheiden solle, was sie mache. Genau. Ist ja auch alles individuell.