Ein Wochenende im Schweiß

Hase am 13. September 2009 um 12:27

Was macht man eigentlich, wenn der Partner übers Wochenende nicht da ist? Man könnte Freunde treffen. Man könnte auch einfach einmal nur faul auf der Couch liegen. Oder aber man könnte das Wochenende im Fitness-Center verbringen. Man zahlt ja schließlich auch dafür.
Auch wenn ich Freitag abend eigentlich doch recht müde war, ließ ich mich dazu überreden, das Krafttraining, dass ich gute 4 Wochen vernachlässigt hatte, wieder aufleben zu lassen und quälte mich gute zwei Stunden durch die Hantelarien mit dem Ergebnis, dass meine Oberarme in der Dusche zitterten, weil man ja auch nicht einsehen möchte, dass man eventuell nach dieser Auszeit etwas weniger Gewichte hätte nehmen müssen. Insbesondere hätte man eventuell den rauschenden Akt an der Beinpresse auslassen können in Anbetracht der Tatsache, dass man ja nebulös ahnte, was am Samstag auf einen zukommen würde. Man hätte. Hat man aber nicht. Erschlagen fiel man daher um Mitternacht, als man sich nach Hause geschleppt hatte, in einen tiefen und vermutlich traumlosen Schlaf.
Den Samstag Vormittag beschäftigte mich unterschwellig die Frage, wie man das Drama mit der Nahrungsaufnahme am besten regeln könnte und ansonsten bezweifelte, ob ich das vorgenommene Programm überhaupt durchstehen würde. Es ist immer ein heikler Grad, auf dem man essenstechnisch wandelt, wenn Bodyattack auf dem Plan steht. Im Laufe der Zeit hat man fast alle Varianten durch: Nichts essen ist tödlich, weil man sofort scheinbar unterzuckert; ausgiebig essen ebenso, da man das Gefühl hat, überhaupt nicht vom Boden wegzukommen. Der goldene Weg hat in einem Salatteller offenbart, den man kurz vor dem Ereignis nach Bedarf mit einem Müsliriegel ergänzt, auch wenn der wahrscheinlich eher nur placebohafte Effekte besitzt. Ob das dieses Mal reichen würde? Unser Maestro verschwindet für sechs Monate ins Ausland und daher stand auf dem Plan die große Abschiedstournee. Dass er im Anschluss nach der üblichen Stunde noch eine sagenumwobene “Challange” geplant hatte, wusste man ja. Auch wenn man sich nichts dadrunter vorstellen konnte, was wahrscheinlich auch besser war.
Womit ich allerdings nicht so ganz gerechnet hatte, war die Tatsache, dass der Maestro auch die Attack-Stunde nicht einfach so abfackeln würde - hätte ich aber auch irgendwie drauf kommen können.
Auch wenn der Maestro anscheinend ob seiner Abschiedsfeier die Nacht nicht geschlafen hatte, hielt ihn das nicht davon ab, wie ein strotzendes Kraft- und Energiebündel durch die Halle zu fegen, als ich mich ins Studio 1 quälte und die vorabendliche Aktion an der Beinpresse verfluchte.
Dieses Mal war das Studio sogar gut gefüllt - wie Fans einer Popband sind doch tatsächlich rund 15 Leute in die Halle gepilgert, um den Trainer zu verabschieden, der innerhalb der Holmes Place-Hallen die härtesten Attackstunden abhielt. “Eines wird wie immer sein: Wir werden hart arbeiten!” Die Diskofunzel rotierte schon fröhlich, als der Maestro sich vor seine Jünger stellte. “Wir können die Stunde natürlich nach Plan mit der jetzigen Choreographie durchziehen… oder aber so, wie ich das zusammengestellt habe! Eure Wahl!” Natürlich war man dann auch gewillt, sich dem Programm zu unterwerfen. In Wirklichkeit hätte man auch eigentlich nichts anderes von ihm erwarten können und da wir anscheinend einen ähnlich schlechten Musikgeschmack haben, konnte es eigentlich nur ein Highlight werden - wenn nur nicht die dazugehörigen Choreos gewesen wären. Ein Bodyattack-Workout ist an sich ja recht starr, doch die Songs unterschiedlich intensiv. Heißt, dass wenn während einer Staffel Song 3 besonders hart ist, ist die erste Belastungsspitze in Track 4 meistens nicht ganz so schlimm. Wenn man das ganze natürlich aus drei Jahren Bodyattack-Tracks mixt, kann dabei etwas Explosives dabei herauskommen.
Und so war es dann auch. Fast ein wenig wehmütig wurden die Arme ausgebreitet und letztes Mal hörten wir “Willkommen…nimm deine Setposition ein… - ah… mein Lieblings-warmup!” Das Diskofetzchen kannte ich noch gar nicht und wären nicht ein, zwei bekannte Elemente dadrin, hätte ich es auch nicht als einen Intro-Song erkannt. Naja. Aus irgendeinem Grund lief mir schon da der Schweiß. Track 2 war eine bis zur Vergewaltigung aufgemotzte Version eines alten Discoknüllers, was natürlich sein Lieblingstrack 2 war, wie sollte es anders sein. Der Maestro begann zu brüllen. Es wurde hart. Während ich mich durch den ersten Block kämpfte, galt meine größte Sorge schon dem zweiten Teil, der in einer normalen Stunde für alle Beteiligten schon stets zu einer Hausforderung wird, während man den ersten Teil in der Regel noch halbwegs mit Enthusiasmus bewältigen kann, wenn man über das nötige Fitness-Level verfügt. Während Track 8 naturgegeben einfach nur mechanisch Durchhalten bedeutet, egal welches Schätzchen man dazu hört, kann die Katastrophe immer in Track 9 lauern, der ja auch offiziell untertrieben “Power” heißt. Auf der qualvollen Reise durch die 64 Push-ups lenkte ich mich mit der Frage ab, ob er das “i need a hero”-Schätzchen vorziehen würde, oder aber “no limit”. Ersteres war eigentlich zu leicht, auch wenn er dort immer hingebungsvoll den Refrain ins Mikro geschrien hatte. Es kam also wie es kommen musste und er hetzte uns durch die aufgedonnerte “no limit”-Arie, die auch mit “we have no limit!” geschrien begleitet wurde. “Erinnert euch, wo ihr hier seid! - Ich will euch schreien sehen! Gebt….alles!” Als das Ding vorüber war, hätte ich mich am liebsten in einem abgedunkelten Raum auf eine Liege gelegt. Auf dem Fußboden des Studios schwammen Schweißpfützen und die Teilnehmer stolperten mehr oder weniger aus dem total stickigen Raum.
Eine Pause war nicht vorgesehen, einzig und allein das Auffüllen der leeren Wasserflaschen war eingeplant, dann stolzierte unser Trainer auch schon wieder in den Raum und hang etwas dramatisch an der Spiegelwand Plakate auf, auf denen der Fahrplan für seine große “Challange” skizziert war. Wäre mein Kreislauf nicht auf Hochtouren gewesen, wäre ich wahrscheinlich blass geworden. In Partnerarbeit sollte eine Art Zirkeltraining mit den Bewegungssequenzen aus der ersten Belastungsspitze abgeleistet werden, wobei abwechselnd die verhassten Push-ups in all ihren wundervollen Varianten abzuleisten waren. Und das ganze auf Zeit. Nach jeweils 8 dieser Kleinigkeiten stand auf den rosa Plakaten “Aerobic: Power”. “Was meint er denn damit?” fragte mich mein Partner und naiv aus dem Bauch heraus sagte ich scherzhaft, dass das wahrscheinlich weitere Highlights aus der “Track 9″-Liste wären. Und so wars dann tatsächlich auch. Ausgerechnet in dieser Challange schaffte er das, was ich eigentlich schon seitdem ich diesen Kurs belege, halb erwartete: Er trieb es tatsächlich so weit, dass eine der Teilnehmerinnen einfach umkippte.
Wir leisteten insgesamt zwei dieser ganzen Zirkel ab und im Nachhinein weiß ich nicht mehr, wie ich das eigentlich gemacht habe. Bei den Bodeneinheiten hatte ich irgendwann nur noch den Wunsch, still auf der Matte zu liegen, während um mich herum die Anlage explodierte, aber selbstverständlich kam dann unser Maestro angallopiert, schmiss sich neben mich auf den Boden und brüllte “Los, Björn! Nicht aufhören! Los, los, wir machen das im Takt!”. An den ersten Power-Track kann ich mich nicht mehr aktiv erinnern, ich weiß nur, dass es eine Tortour war und beim Zweiten beschloss ich einfach, dass es auch mein letzter werden würde und so durften wir noch einmal “no limit” zelebrieren, was ich mit allerletzter Kraft auch tat. Danach hatte selbst der Instructor ein Einsehen und beendete das ganze Drama glücklicherweise mit seinem Cooldown.
Nach der Verabschiedung und dem Duschen brauchte ich fast zwanzig Minuten für die kurze Strecke zur U-Bahn und fiel zu Hause einfach nur noch auf die Couch. Wie in einem Traum fragte ich mich, ob ich tatsächlich auf dem Heimweg in der Bahn die Mutter meines Exfreundes getroffen habe oder ob das schon eine Halluzination gewesen war.
Heute wird nirgendwohin gegangen. Kann ich auch gar nicht. Außer abends zum Bahnhof, um den Freund abzuholen.
Bleibt mir nur, mich für die vielen Stunden am Samstag Woche für Woche zu bedanken. Von diesem Kurs hat ein Aussenstehender keine Möglichkeit, sich ein Urteil zu bilden. Wahnsinn.

Attack - The Course

Hase am 12. Juli 2009 um 23:08

Es soll ja alles sportwissenschaftlich abgesteckt sein, das Programm, das man hier hinter sich bringt… Und was bringt man hinter sich ? 12 mal Power…
1. Warm up. Ist das drin, was drauf steht. In der Regel erkennt man das Lied sogar noch als einen der mehr oder weniger (dauer)aktuellen Charthits, der kaum aufgepusht ist. Einfache Aerobic-Grundschritte, die kurz und schmerzlos abgerissen werden. Neue Mitglieder bekommen in diesem Moment einen wissenden Gesichtsausdruck, dass es ja wohl nicht so schlimm wird. Man kann hierbei aber auch je nach Trainerlaune schon mal einen kleinen High-impact wagen.
2. Mixed-Impact. Das Lied gewinnt an Power und ist in der Regel dem Trance-Bereich zuzuordnen. Der Instructor beginnt zu schreien. Eigentlich soll dieser Track auf Nummer 3 vorbereiten, aber auch hier darf man die ganze Bandbreite der Aerobic-Highlights bewundern, die sich anbieten. Steigerung ist hier, dass gelaufen wird und die Schritte intensiver werden und man lustig die Arme durch die Gegend pfeffert. Die Gesichter der Neulinge verlieren etwas von ihrer Lockerheit und es wird das erste Mal zur Wasserflasche gegriffen.
3. Aerobic. Das Lied könnte unter Umständen noch in der Disco auf dem Techno-Floor gespielt werden. Man startet ohne Kompromisse durch, und ohne Gnade wird alles durcheinander gewürfelt. Es kommen nicht zu unterschätzende Sprungelemente hinzu. Ich habe den Verdacht, dass innerhalb des Lieds auch der Beat geändert wird und man bekommt ein leicht berauschendes Gefühl. Der Puls ist mittlerweile hochgezwirbelt, man schwitzt. Die Neulinge gucken das erste Mal etwas verzweifelt zur Studiotür. Mitfühlend wird vom Instructor durchs Mikro gebrüllt, dass gleich die erste Spitze kommt. Nur noch High-impact.
4. Plyometrie. Einer der beiden heimlichen Herzstücke des Kurses. Ohne Vorwarnung durchdringt ein Beatschock das Studio und man hat das Gefühl, dass die Wände erzittern. In der Regel irgendein unbekanntes Lied, das sich durch Techno pur und einen affenartigen Beat auszeichnet. Dies ist der Moment des Instructors, alle Hemmungen fallen zu lassen. Wenn er gut drauf ist, wird exstatisch “bodyattack !! Gooo!” gebrüllt und mit hypnotischer Gewalt wird die Choreographie in einer für den Kreislauf absolut tödlichen Intensivität durchgeprügelt. Man fliegt durch das Studio, schmeißt alle Gliedmaßen von sich und denkt am besten auch nicht mehr nach. Bezeichnend ist, dass bei diesem Track auch der Trainer den Rand hält. Schweißtropfen fliegen durch den Raum und wenn man nicht die etwas stiefmütterlich bekannten “low-options” wählt, dann kocht der Kreislauf bis zur Belastungsgrenze hoch. Der Neuling ist mittlerweile nicht mehr rot angelaufen, sondern bedenklich blass. Die Wasserflasche in der Regel fast alle.
5. Oberkörpertraining. Der Instructor nennt dies etwas euphorisch tatsächlich Pause. In einem einzigen Track sollen 64 Liegestütze in unterschiedlichsten Varianten abgeleistet werden. Was für ein Song das ist, fällt niemandem auf. Der Neuling posiert in der Fick-mich-Stellung auf der Matte und hyperventiliert. Erfahrungsgemäß werden höchstens 5 der 64 absolviert.
6. Beinarbeit. Wir sind wieder im Trance-Bereich angelangt und laufen nach Instruktion durch die Halle. Aufgelockert wird dies durch euphorische Armbewegungen, die von den Neulingen in der Regel wie ein Hilfeschrei aussehen.
7. Beweglichkeit. Auf der offiziellen Les-Mills-Seite ist an dieser Stelle die Rede von “spaßigen Interaktionen mit den Kursteilnehmern” die Rede. Aus einem mir unbekannten Grund teilt sich der ohnehin überschaubare Kurs in zwei Gruppen auf, die sich gegenüber formatieren und abwechselnd “roller coaster” oder “pause” = Liegestütze hinter sich bringen. Aufgelockert wird dies wieder durch orgastische Sprungübungen mit Armeinsatz. Der Neuling versteht die Welt nicht mehr und schielt mehrfach zur Uhr. Dabei wartet ja noch das Schönste.
8. Intervalle. Was die Stunde geschlagen hat, weiß man spätestens, wenn der Instructor die Diskofunzel anschaltet. Jetzt ist Zähne zusammenbeißen angesagt: Zweiter Turn. Wir bewegen uns ohne größere Überleitung wieder im Choreographie-Bereich und absolvieren unser zweites Kunststück. Dieses Mal kommen die Beine eine zentrale Rolle zugewiesen und wie immer dürfen die Arme nicht fehlen. Der Kreislauf wird erneut seinem Belastungsmaximum ausgesetzt. Der Instructor brüllt wieder und dreht auf. Die Diskokugel tut ihr übriges und ich habe schon so manches Mal überlegt, was wohl passiert, wenn ich tatsächlich wieder einmal in der Disko stehe. Die Neulinge sind mit ihren Kräften am Ende und trippeln mehr oder weniger etwas verschlagen auf der Stelle.
9. Power. Ähnlich wie in Track 4 haben wir die Belastungsspitze erreicht. Begleitet von einem Technofetzen quält sich das Herz durch den letzten Paukenschlag. Der Instructor lächelt seelig, während er durch die Halle stürmt und die Kursteilnehmer ihre letzten Kraftreserven sammeln und in dieses Lied packen. Mit der Zeit lernt man, diesen Track perverserweise zu genießen. Dass dies anscheinend Sinn und Zweck der Übung ist, bekommt man bestätigt, da der Instructor plötzlich den Refrain ins Mikro brüllt. Das Gefühl des Schwindens letzter Kraft und die damit vermutlich verbundene hormonelle Umsetzung im Körper ist nicht zu überbieten. Was mit den Neulingen passiert, ist unterschiedlich. Einige beginnen zu taumeln, einigen wird übel und die Harten ziehen das Programm verbissen durch, wenn auch meistens mit den “low-options”. Wenn man es bis hierher geschafft hat, weiß man, was man getan hat.
10. Unterkörpertraining. Dieser Track soll dazu dienen, die Herzfrequenz und den Kreislauf wieder herunterzufahren. Zu Beginn ist man derart aufgeheizt und hochgefahren, dass man die dynamischen Dehnübungen am liebsten gleich ausfallen lassen möchte. Man kann allerdings auch hier noch einige Variationen bringen. Ich dachte nie, dass ich das Gefühl von glänzendem Schweiß am ganzen Körper einmal lieben würde.
11. Cooldown. Der Cooldown widtmet sich hier zentral dem Bauch, so darf man hier noch ein paar Cruncher in unterschiedlichen Varianten bringen. Abschließend dehnt man sich und beklatscht sich gegenseitig, dass man es geschafft hat. Einsammeln der leeren Wasserflasche und Abmarsch in die Dusche.

Man kann die Höhen und Tiefen dieses Kurses am Beispiel zahlreicher Videos scheinbar von mehreren Kontinenten aus bewundern, einen guten Überblick kann man allerdings bekommen unter http://www.youtube.com/watch?v=mVxFj_PGs1Q bzw. dem sich anschließenden zweiten Teil. Viel Spaß !

Neues aus der Anstalt

Hase am 3. Juli 2009 um 12:15

Was macht man einem Sommerabend, während andere Leute draußen Grillen oder einfach lethargisch auf dem Balkon liegen? Natürlich, man fährt zum Sport. Bei dem Wetter spart man sich wenigstens das Aufwärmen.
Schön, dass sich Dinge nie ändern und man sich gleich heimisch fühlt. Die Schlampe am Tresen überreicht einem auch an solch einem Tag mit einer Fresse zum Reinschlagen wort- und grußlos die Handtücher. Bei der Preiserhöhung auf Grund der so schlimm gestiegenen Energiekosten war ein “Hallo” auch diesmal nicht mit einkalkuliert. Naja, macht ja nichts, denn man wird ja sofort von dem Schokocrossi entschädigt, der in seiner Gestalt als Assisent Chief General Sales Manager etc. mit gewagten Flippflopps, einer mal wieder viel zu klein geratenen Anzugshose und einem Fetzchen von Hemd auf einen zugestolpert kommt, ein Moncherie-Lächeln auf die Lippen zaubert und ein “Hiiii…naaa du!” aus den Mundwinkeln wehen lässt. Wir sind ja schließlich auch ein Lifestyle-Club.
Nach 10 Minuten Rumgeplänkel an der Bar werde ich von meinem Trainer auf die Fläche gescheucht. “Glaub bloß nicht, wir machen heute wieder Brust. Heute is Rücken!” Ob das nun Rücken oder Brust ist, es warten Hanteln, Gewichte und Bankdrücken trotzdem. Nach guten anderthalb Stunden werden ich von meinem Kurstrainer einkassiert, der mir einen Einlauf verpasst, weil ich drei Wochen nicht im guten Attack-Kurs war. Mit geducktem Kopf stolper ich in Studio 1, wo das Headset schon umgeschnallt ist. Der Maestro setzt meine Kritikpunkte, kein Intro zu haben, sondern gleich mit “high impact” zu starten in die Tat um und mir wird durch den Saal zugebrüllt, ob ich jetzt warm sei und er anfangen könne. Ich glaube, mich verhört zu haben, als er sogar von einer Pause redet. Doch tatsächlich: “So, jetzt Pause, die habt ihr euch verdient!” Hatte sich in den wenigen Wochen so viel verändert? Erschöpft lasse ich mich auf den Boden gleiten. “Was machst du denn da ? Los, Matte holen!” Eindeutige Anweisungen per Mikro. Ich erkenne: Man ist so dreist geworden, die in einem Track abzuleistenden 64 Liegestütze (warum eigentlich gerade genau 64? Ich mach davon eh nur 27) als Pause zu deklarieren. Nachdem das letzte Ding durch ist, der Maestro sich zu einer aufgemischten Version von “Holding out for a hero” zu einer gebrüllten Gesangseinlage hinreißen lassen hat (mit Diskofunzel) und ich das Cooldown auch überlebt habe, werde ich instruiert, ausserplanmäßig in den kommenden Tagen an einem anderen Kurs mit Langhanteln teilzunehmen, da er dort Vertretung schiebt. “Du wirst die Musik lieben!” ist der Kommentar, der mich überzeugen soll. Der Rest ist egal, hauptsache schön billige Diskomusik.
Obwohl draußen 28 Grad sind, ist das Studio an dem Abend zum Bersten gefüllt - ein ganz anderes Gefühl, im Attack-Kurs herrscht eigentlich immer gähnende Leere, was auch gut ist, da man ja mehr oder weniger durch die ganze Halle fliegt. Ein ganz anderes Klima beherrscht den Raum. Die versammelten Lesbobabes stapeln sich die Gewichte auf die Langhantel, stehen mit einem verbissenen Gesichtsausdruck vor dem Stepper und beäugen skeptisch den Maestro. Er ist wieder gut druff. Man merkt, dass er eigentlich viel lieber wieder brüllend durch die Halle stürmen würde, als die verordnete Brustübung (”wir haben 64 Stück!” auch hier also) durch zu ziehen und kann sich nicht verkneifen, den Refrain mitzubrüllen. Lesbobabe neben mir guckt auf, die 40 kg Langhantel auf die Brust geknallt. “Was das denn hier fürn Pussy-Club” lese ich von ihren Lippen ab. Hm. Wie immer dreht man im zweiten “Turn” auf und ich lasse vor Lachen fast die Hantel fallen, als Maestro vorne durchs Mikro brüllt: “Habt ihr was dagegen, wenn ich die Diskokugel anmache?” Lesbobabe kneift die Lippen zusammen und schüttelt vage missbilligend den Kopf. Lesbobabe war auch die einzige, die die Gewichte während der Stunde nicht variiert hat - ob Rücken, Brust, Bizpes, alles mit 40 kg. Köstlich fand ich den Einwurf: “So, beim nächsten Track nehmt ihr ein bisschen weniger, aber mehr als sonst!”
Nachdem der ganze Spaß vorbei war, bekomme ich von unserem Instructor zu hören: “So, jetzt kommt ja noch ein Attack-Kurs! DAS wäre doch jetzt das Richtige!” Leider nicht vom Maestro. Das unscheinbare Mädchen vorne schnallt sich das Headset um, obwohl sie es gar nicht bräuchte. Gebrüllt wird hier nicht. Obwohl die Choreos ja alle weltweit identisch sein sollen, liegen Welten dazwischen. Ich bin verwirrt, dass zu meinem Lieblingslied nicht die so gehassten “high impact”-Versionen zum Einsatz kommen, sondern man gemächlich das Programm abspult. Ich komme durcheinander, weil die Figuren überhaupt nicht mit dem Gewohnten zusammenpassen und handel mir einen fragenden Blick von vorne ein. Ich vermisse das Gefühl des auf Hochleistung arbeitenden Herzens, das Schreien der Lunge nach Sauerstoff und die Diskofunzel is auch aus. Traurig verlasse ich das Studio und beim Verlassen der Trainingsfläche erhasche ich einen Blick auf Lesbobabe, der verbissen Gewichte durch die Gegend wirbelt. Der Türke neben ihr wirft ihr angewiderte Blicke zu.
Naja. Samstag gibts ja wieder die gewohnte Dosis. Mit Diskofunzel.

Body-Attack!

Hase am 3. Mai 2009 um 10:29

Nach sechs Monaten im selbsttitulierten “Healthcare and Lifestyle-Club” war die friedliche Zeit des vor-sich-hin Trainierens schlagartig vorbei, als sich mein hochmotivierter Trainer eines Tages (mit rausgestrecker Brust) auf den Tresen legte und verkündete: “Wir sind jetzt an einem Scheideweg! Fit bist du - jetzt müssen wir entscheiden, ob du lieber in den Ausdauerbereich willst oder in den Kraftsport.. Ich finde, wir machen Kraftsport!” Mit einem bedeutungsschweren Blick verwies er einerseits auf den doch so verhassten Crosstrainer und danach auf die von mir titulierte Türkenecke, in der die furchteinflößenden Hantelbänke stehen.
Die Augen des Trainers bekamen ein begieriges Leuchten, als wir auf die Hantelbank zusteuerten und mit einem aufmunternden “Dann wirds aber ab jetzt hart und es wird wehtun!” gings auch schon los. Plötzlich drehen sich die Gespräche nur noch um Proteinshakes, irgendwelche Pillchen und Schmerzmittel. Dass es hart werden würde, wurde mir schlagartig klar, als ich verkündet bekam: “So, wie immer 3 Serien, die erste mit 25 Wiederholungen und 50 Kilo, die zweite 15 mal mit 60 Kilo und die letzte 10 mal mit 70! Alle drei Wochen das Ganze mit 10 Kilo versetzt!” Auf mein etwas blasses Gesicht wurde nur mit einem “Los, los, machen!” eingegangen und danach konnte ich eh nichts mehr entgegnen. Es gibt Tage, an denen ich nicht mehr genau weiß, wie ich von der Trainingsfläche hinunter in die Duschräume gekommen bin.
Aber selbstverständlich reichte das alles wieder einmal nicht, und so wurde mir noch ein Ausdauerprogramm verordnet, bei dem ich allerdings die stundenlangen Sitzungen auf dem nervtötenden Crosstrainer boykottierte. “Dann machst du was aus dem Kursprogramm… aber nich hier sunnen Stepkurs, das Rumgetatsche auf dem Brett bringt ja eh nichts!” Hm. Ein kritischer Blick ins Programm lieferte uns : “Naja, dieses ’schweißtreibende Dancework-out’ ist ja ganz nett, aber dann würd ich das hier vorschlagen..” und der Finger machte halt bei dem etwas hochtrabenden Kurs namens “Body-Attack”. In Anbetracht der Kurse, die auf das “Rumgetatsche auf dem Brett” hinausliefen, dachte ich, dass das schon nicht so wild werden würde. In denen sitzen mit aufwändigem Make-up zugekleisterte Hausfrauen, die während der Pausen über die Nachhilfekurse ihrer Kinder erzählen und den Kurs am Ende genauso gestylt verlassen, wie sie ihn betreten haben. Denn da gibt es sogar Pausen…
Als ich das erste Mal das Studio verließ, in dem der verordnete Kurs stattfand, konnte ich mein T-Shirt auswringen und ich musste mich bemühen der Versuchung zu widerstehen, den Weg zu den Duschräumen nicht robbend zurückzulegen. Immerhin ungefähr 6 Leute tun sich den Kurs jede Woche an und ich wurde mit einem einerseits aufmunternden und andererseits gequälten Lächeln der Kursmitglieder aufgenommen. “Wenn dus nicht sofort durchstehst, mach dir keine Gedanken. Wir machen das hier seit 2 Jahren!” Ein anderer meinte: “Nach drei Monaten hatte ich auch endlich kein Übelkeitsgefühl mehr danach!” Was ist denn hier los?, dachte ich mir, als ich die trainierten Männer, die mir diese Aufklärung entgegenbrachte, betrachtete. Plötzlich ging die Tür auf und unser Trainer betrat beschwingt den Raum. Wie im Fernsehen war er blond, gebräunt, unglaublich austrainiert und stellte sich mit einem aus Heterosicht vielleicht etwas fragwürdigen mit Flammen geschmückten Muskelshirt vor die kleine Gruppe. Nach einer knappen Begrüßung des “Neulings” und den in etwa gleichen Sätzen wie seine Vorredner (”Wenn du es nicht schaffst, ist das überhaupt keine Schande! Dann bleib zwar in Bewegung, mach irgendwas, aber hör bloß nicht ganz auf… Sonst kippst du um!”) wurde die Anlage instruiert, die Discokugel angeknipst und das Headset umgeschnallt. “Wie immer machen wir zwei Turns (!), je mit einem Raise, einem Plateau und einem Klimax…dazwischen Cooldown!” Aha. Was das ‘Cooldown’ sein soll, werde ich wohl nie erfahren. Ich schwanke immer noch zwischen dem 30sekündigen CD-Wechseln oder gar der Bodeneinheit, die dazwischen geschoben wird. Das vorher angesprochene “Warm-up” hab ich auch nie gesehen. Naja. Der Maestro breitet die Arme aus und sieht für einen Moment aus, als ob er die rotierende Discofunzel anbeten wollte. Übers Mikro wird “Willkommen bei Body-Attack… and….. go-go-go!” gebrüllt, als hämmernde billige und aufgepeppte Discomusik durch das schallisolierte Studio dröhnt. Was folgt, sind 60 Minuten auf Krampf durchgezogene Power pur. Im Großen und Ganzen handelt es sich um zwei Choreographien, die geradezu mit hypnotischer Gewalt in einer affenartigen Geschwindigkeit durchgehämmert werden und einer Bodeneinheit dazwischen, die im Wesentlichen aus Liegestützen besteht. Das große ‘Cooldown’ ist eigentlich Bauch-Training. Nach dem ersten Turn ist man bereits schweißgebadet (der Aufruf “go-go-go!” ist auch etwas irreführend, gegangen wird da an keiner einzeigen Stelle, zumindest planmäßig nicht, dauerhaft “ich will eure Hacken am Hintern sehen!”) und man möchte eigentlich nur noch raus. Wenn ich bei der Bodeneinheit nicht ein wenig schummel (”wir haben 37 Tracks!” - was auch immer das heißen soll) habe ich zu Beginn des zweiten ‘Turns’ bereits Schwindelgefühl und aufkommende Übelkeit. Es kommt eine etwas vergewaltigte Version von “No Limit” und mit zusammengebissenen Zähnen kämpft man sich durch das zweite Programm, während der Maestro tatsächlich “and we have no limit!” brüllt und aufdreht. Wie ein Duracell-Hase aus der Werbung stürmt er durch den Saal, alle Gliedmaßen von sich geschleudert und ein festgetackertes Lächeln auf den Lippen.
Das anschließende ‘Cooldown’ erlebe ich im Prinzip nicht mehr aktiv. Mechanisch reiße ich die Übungen ab, meine Wasserflasche ist schon längst leer, das mitgebrachte Handtuch nass.
Wenn der letzte Techno-Fetzen vorbei ist, macht sich eine durch nichts unterbrochene Stille im Kursraum breit. Sagen will an dieser Stelle eigentlich niemand mehr etwas. Wie eine Karavane im Sklavenlager trottelt man aus dem Raum, niemand macht einen Scherz oder sagt irgendwas. Sogar das Shirt unseres Maestros ist plötzlich dunkel und sein Gesicht glitzert vor Schweiß.
Und doch kommt man jede Woche wieder… - Ob ich nicht doch zu dem Hausfrauenkurs wechseln kann … ?

Altona: Eine Reise isset immer wert

Hase am 20. August 2008 um 18:34

Wenn ich manchmal durch mein Wohnviertel laufe, komme ich mir manchmal vor wie in Istanbul. Oder wie auf dem Gelände einer Suchtklinik. Es fängt schon beim Straßenkiosk an. Läuft man die Straße entlang, kommt einem das halbherzige Gebrüll der versoffenen Gestalten auf dem Mauervorsprung entgegen, die dort friedlich ihre Sozialhilfe runterspülen.
Weiter die Straße hinab befindet sich das Luxustempelchen der Lebensmittelindustrie, der hochtönende “Spar”-Markt. Was man dort sparen soll, habe ich zwar nie verstanden - vielleicht an qualifiziertem Fachpersonal. Das Türkenmädchen mit dem Tuch um den Dödler an der Kasse hielt mir einmal einen Apfel entgegen und meinte: “Woas das?”. Ganz vorbei war es allerdings, als ich auf Grund meiner Rückerstattung der Pfandflaschen sogar noch was von Aischa wieder bekommen sollte: “Oh..macht 3 Euros 40!” - “Nee, das müssen Sie mir wiedergeben!” - “Wooas? Ich geben? Sie zahlen in Laden! Ich nehmen Geld!” Aischa schielte einmal lüstern auf Mustafas breite Brust hinter mir, bevor sie hilfesuchend nach ihrer Chefin Ausschau hielt. Doch Mustafa beendete das Ganze, indem er meinte: “Aischa, guckst du. Der Mann hat Bon. Ein Apfel für 3 Euros 40 is ja auch viel. Guckst du, Aischa?”
Aber auch sonst strotzen die Läden von überzeugender Fachkompetenz. Kai-Steffens Rad hatte eine Pedale verloren und im Fahrradgeschäft kam auch promt das herausragende fachmännische Urtel von Seiten des Zottelhannes, der verlegen seine Dreckpattscher an der durchgesifften Hose abwischte: “Is ja nich so geil!” Das sah ich ähnlich.
Getoppt wurde das nur von meinem naiven Ausflug zu einem anderen Frisör, da Chantal momentan mit ihrem aktuellen Bettgenossen in einer kleine Krise steckt. Gleich neben dem Starfriseur mit der Goldschere liegt die Hairfactory. Schon als ich in den lagerartigen Raum stolperte, hatte ich das Gefühl, gerade in einen rauschenden Rave zu platzen. Die Technomusik im Hintergrund war dermaßen laut, dass ich das Barbiepüppchen am Empfang zuerst gar nicht richtig verstanden habe. “Einmal die Haare ab?” brüllte sie mir letzlich ins Ohr und umfasste einmal ihre schlaffe Brust. Ob sie dachte, dass das meine Entschlussfreudigkeit irgendwie beeinflussen würde, drückte sie mir eine Nummer in die Hand. “Is wie aufm Amt! Wenn Nummer an Tafel, dann dran!” Ah. Ratlos ließ ich mich auf die spartanische Bank sinken und betrachtete das muntere Treiben. Eines konnte sie alle gut: So tun, als ob sie was machen würden. Das Barbiepüppchen an der Theke holte entschlossen einen Hubba-bubba-Kaugummi raus und kritzelte Käsekästchen auf dem abgegriffenen Collegeblock, den sie als Terminkalender benutzte. Der billige Glastisch mit der Preisliste drauf vor mir hüpfte leicht auf und ab unter dem Bass. Als ich die merkwürdigen Gestalten in dem Laden in Augenschein nahm, hielten mich eigentlich nur Chantals Bettgeschichten davon ab, aus dem Laden zu rennen.
Ganz in Schwarz gehüllt, und die knall enge Jeans mit einem schillernden Strassgürtel geschmückt, stürmte Figaro persönlich durch die abgetrampelte Halle. Selbst durch die Technomusik hörte ich fast die knallenden Absätze auf dem Boden. Er musterte mich einmal von oben bis unten und wandte sich dann Barbiepüppchen zu, die mit dem Kaugummi schnalzte und mit ihren billigen Kreolen spielte. “Uschi, hast du meine Power-Schere gesehen, Schätzchen?” Uschi. Ich hatte auf Mandy getippt. Uschi-Schätzchen schüttelte einmal lethargisch mit dem Kopf und wühlte in ihrem Top.
Kurz darauf fiel Uschi auf, dass der jungen Türkin auf einem der Stühle schon vor mehr als einer halben Stunde die Haare ausgewaschen hätten werden müssen. Für einen kurzen Moment hielt ich den pubertierenden Teenager, der durch den Laden schlenderte, als hätte er sein Spielzeug verloren, für ihren Sohn, doch plötzlich geriet Uschi in Wallung und blökte den Jungen an: “Mogdad! Nun man los! Mach auch mal was hier! Wasch der Frau die Haare aus! Echt ey, du faules Pack!” Mogdad war höchstens 15 Jahre alt (dafür aber schon eine hübsche Plautze) und fand die Idee offensichtlich nicht so dolle: “Hab keinen Bock!” brüllte er durch den Laden; da hatte er aber nicht mit Uschi gerechnet, die plötzlich in einem Adrenalinrausch hinter dem Tresen hervorgestürmt kam und Mogdad einfach einmal einen Schlag auf den hohlen Hinterkopf gab. “Wirds jetzt aba ma! Hör ma , do!” Mogdad ergab sich und zog mit der verwirrten Türkin von dannen. Ich war einem Lachkrampf nahe, als sie wenig später mit pissgelben Haaren und einem verbissenen Gesichtsausdruck wiederkam.
Das Lachen verging mir allerdings schlagartig, als Uschi auf mich mit einem lackierten Fingernagel deutete und Mogdad zunickte. “Nassmachen!” brüllte mir Mogdad zu und deutete mit den fettigen Wurstfingern in den hinteren Teil des Dancefloors. Zögerlich schlich ich hinter Mogdad her und sichtete in der hinteren Ecke des Ladens drei schmutzige Waschbecken. Eigentlich in jedem Frisörladen, den ich in meinem Leben betreten habe, bekam man zum Haarewaschen ein Handtuch um die Schultern gelegt, damit man nicht nass wird. Mogdad moderierte das Ganze ohne durch und schüttete energisch einen Wasserschwall auf mich hernieder, klatschte einen Hauch von Shampoo in meine Haare und plättscherte nochmals ein wenig mit Wasser. Als ich auf dem Weg zurück zu meinem Blick wahrscheinlich ein wenig verstört aussah, fragte: “Ey, is alles in Ordnung bei Sie?” Wortlos ließ ich mich in einen der Sessel fallen und schielte durch den Raum auf der Suche nach einer freien Friseurin. Wie in einer Sequenz aus Nightmare on Elmstreet öffnete Modgad schwungvoll einen kleinen Schrank und zog zu meinem Entsetzen einen schwarzen, speckig aussehenden Umhang raus, den er mir um die Hals warf. Plötzlich war auch eine kleine verbogene Schere in seinen Händen und er brüllte: “Was solls denn werden?”. Mir schwarnte Böses, als er zaghaft an meiner rechten Kopfseite irgendwas rumzupfte und nach vollbrachtem Werk tatsächlich fragte: “Soll andere Seite genauso kurz?”
Wir bekamen nochmals Probleme, als es um die Gesamtlänge ging. “Ich kann nich kürzer schneiden!” Verdattert fragte ich ihn, warum nicht. “Sie sehen, meine Finger so dick! Sie sehen, wenn ich Hand auf Kopf lege, dann ich nicht mehr schneiden!” Fassungslos starrte ich ihn, und auf meine Ungehaltenheit hin fragte er zaghaft: “Alles in Ordnung bei Sie?”. Ich musste mich zurückhalten, um ihm nicht eine reinzuziehen und schrie ihm durch die Technomusik hindurch an, er möge einfach jetzt so wenig wie möglich schneiden, woraufhin er meinte: “So, warum Sie wollen?” - “Damit es nicht vollkommen beschissen aussieht!”
Nun wurde Mogdad sichtlich nervös, da Uschi jetzt auch noch kaugumikauend durch den Gang schlufte. Die Gefahr war jedoch gering, dass sie irgendeinen Blick für Mogdad übrig hatte, da sie in einer Tanzfigur zu Figaro aufschloss und brüllte, dass sie die “Powerschere” nicht gesehen hätte. So kam es dann doch tatsächlich, dass Mogdad plötzlich die Schere, die er in der Hand hielt, in einem hohen Bogen davonflog und auf dem Boden landete. Wortlos stand ich auf, knallte 10 Euro auf den Tisch und meinte zu Uschi, die verdattert über den 1 Euro Trinkgeld fragte, ob der für Mogdad sei: “Nee, für ne neue CD!” und verließ den Laden.
Altona, im Herzen Hamburgs, hat für jeden was parat. Immer eine Reise wert.

Klausuren: Der Kosmos der Füssick

Hase am 30. Juli 2008 um 15:10

Ich habe es tatsächlich hinter mir. In 3 Wochen 5 Klausuren zu schreiben, das kann an den Nerven zerren. Am Abend vor der letzten Klausur letzte Woche (eigentlich in der Nacht) hatte ich Kopfschmerzen und als ich vor dem Einschlafen noch 10 Seiten meiner Abendlektüre las, verschwammen mir bei dem Wort “Mondphase” die Buchstaben und ich sah einen geostationären Satellit vor mir und daneben eine längliche Formel. Am Morgen dann war mir übel und ich hatte noch immer Kopfschmerzen. Auf dem Weg in den etwas Eindruck schindenden Audimax-Hörsaal mit seinen 600 Plätzen erwischte ich mich dabei, wie ich über die Induktionsspannung der S-Bahn nachdachte.
Auf meinem Schreibtisch herrscht ein heilloses Chaos aus scheinbar wahllos gestapelten Zetteln, fast alle Teilgebiete der Füssick in Eintracht vereint auf einem Quadratmeter. Mein Blick fällt auf den etwas mitgenommenen Zettel über die relativistischen Korrekturen des Wasserstoffatoms. Daneben erhasche ich einen Blick auf die Zustandssumme des großkanonischen Ensembles. Etwas weiter oben können wir etwas zu dem Thema “Interferenz an dünnen Schichten” erfahren, gefolgt von den mir so verhassten Additionstheoremen trigonometrischer Funktionen, die ich mir nie merken konnte und den Weg zur Behandlung von Schwebungen freigeben.
Merkwürdiger weise bin ich nur auf das Bestehen einer einzigen Klausur stolz. Stolz deshalb, weil ich auch nach Erhalt des Scheines keinen blassen Schimmer davon habe, wie einer dieser dusseligen Laser funktioniert, ferner genauso wenig davon, was mir diese merkwürdigen Ratengleichungen eigentlich sagen sollen, geschweige denn, wofür die ganzen Buchstaben in diesen Gleichungen stehen. In der Klausur konnte ich sie zwar ausrechnen, da ich einfach die resultierenden Differentialgleichungen mathematisch gelöst habe, und alles Andere,was ich dort von mir gegeben habe, war einfach stumpf auswendig gelernt. Sobald eine Verständnisfrage auftauchte, musste ich natürlich passen, da ich herzlich wenig von dem,was mir unser Departmentleiter im Semester erzählt (eigentlich eher vorgestottert) hatte, verstanden hatte. Hätte man von mir verlangt, das Lied “alle Vögel sind schon da” auswendig zu lernen,so hätte ich das wahrscheinlich ähnlich unreflektiert getan. Ist aber auch egal, da ich dieses Teilgebiet der Physik wahrscheinlich nie wieder benötigen werde. Die 400 Seiten des beschissenen Skripts, das ich mir an einem Wochenende reingezogen habe, sind schon schön aufgestapelt und warten darauf, abgefackelt zu werden.
Ein wenig enttäuscht war ich ja von der Frau Professor Doktor, bei der ich doch diese überaus erfreuliche Prüfung gemacht hatte. Ihre Klausur hätte ich ihr am liebsten um die Ohren gezogen. Auch wenn man leider den eigentlichen Stoff der Vorlesung gemäß Vorlesungstitel nur in den letzten zwei Wochen der Vorlesung schafft, und keinerlei Übungen dazu gemacht hat, kann man das ja durchaus mal in der Klausur fragen. Die etwas schnippische Äußerung “Also eine Wiederholungsklausur will ich eigentlich nicht schreiben, schon gar nicht für hoffnungslose Fälle!” musste sie jetzt allerdings etwas korrigieren und ein kleinlauter Zettel am Schwarzen Brett informiert darüber, dass es in der letzten Woche vor dem neuen Semester eine geben soll. Gottseidank ohne mich :-)
Am Interessantesten allerdings war eigentlich letzte Woche. Auf Grund meines Schwerpunktwechsels zur Physik musste ich aus prüfungsordnungstechnischen Gründen noch zwei große Prüfungsklausuren über die schon lange zurückliegende “Klassische Physik” schreiben. Die Divise hieß also: Zwei Vorlesungen, ein 1000-Seiten-Buch und eine Woche Zeit. Ich hatte von diesen Absonderungen schon Schreckliches gehört, und da ich ja jedes Semester das Pendant in der Mathematik korrigiere, hatte ich plötzlich großen Respekt vor meinen Studienanfängern, denen man jedes Semester aufs Neue eine Fünf reindrückt. Plötzlich war nix mehr mit lorentz-invarianten Lagrangedichten der Quantenchromodynamik oder großes Rumphilosophieren über den Higgs-Mechanimus, sondern ich musste mich damit auseinandersetzen, wie groß die Tangentialbeschleunigung eines Diskuswerfers ist oder wie groß die Energie eines elektromangnetischen Schwingkreises ist. Nach einem flüchtigen Blick auf das dünne Büchlein bekam ich leichte Panik und verbrachte 10 Stunden am Tag auf dem Balkon, um mir einerseits die Theorie wieder vollständig in Erinnerung zu rufen und - das ist irgendwie weitaus schwieriger - mich mit diversen Klausuraufgaben auseinander zu setzen, die man im Akkordtempo lösen sollte. Zudem gab es leichte organisatorische Probleme mit dem Prüfungsamt, das aus irgendwelchen Gründen meine Zulassung verschludert hatte und bis zwei Tage vor den großen Ereignissen nicht raus war, ob ich dann überhaupt mitschreiben durfte.
Damit es kurz und schmerzlos sein sollte, waren beide je 3stündigen Klausuren direkt hintereinander weg in zwei Tagen zu schreiben.
Nach dem großen Akt des Überprüfens der Personalien bekamen die rund 50 Studenten, die sich in dem riesigen Hörsaal versammelt hatten und etwas verloren mit Taschenrechner und Kugelschreiber bewaffnet auf ihren Sitzen lungerten, den Packen der groß betitelten “Prüfungsklausur” auf die Tische geschmissen und ich kam mir schlagartig wieder in die Oberstufe zurückversetzt. Dort hatte ich auch schon ausrechnen müssen, wie hoch ein Gebäude ist, wenn man einen Stein fallen lässt und nach irgendeiner Zeit den Aufschlag hört. Dort hatte ich auch schon die Energieverhältnisse eines Wagons im Looping ausrechnen müssen und ferner die Beschleunigung von irgendwelchen beschissenen Klötzen auf einer schiefen Ebene. Bei manchen Aufgaben war ich etwas ratlos, was man da von mir wollte, da ich nicht wusste, ob gewisse Dinge schon in der Vorlesung behandelt worden waren, aber anscheinend fand meine Lösungen doch positiv.
Nach einer halb durchwachten Nacht schleppte ich mich dann zum nächsten großen Teil, der von dem Prüfungsausschussvorsitzenden persönlich gehalten worden war und dem ich scheinbar in Erinnerung von unseren Gesprächen geblieben bin (ob in guter oder schlechter, das sei mal dahingestellt…). Nach dem erneuten großen Überprüfungen der Identitäten kam die große Ansprache, dass irgendwelche Primarstufenlehrämtler die Theorie-Aufgaben “das sind die Aufgaben 2 und 18!!” nicht bearbeiten müssten und als mir der dicke Packen auf die schmale Bankreihe geflogen kam, hätte ich vor Erschöpfung mich in eine Ecke verkriechen wollen. Als mir dann Herr Professor Doktor noch ein überhebliches Lächeln schenkte und “Ach SIE hier?” aus dem Mundwinkel fallen ließ und dazu auch noch der Theorieprofessor mich vollkommen entgeistert anguckte, da ich doch bei ihm schon zuvor die große Theorievorlesung zur Elektrodynamik gehört hatte, wäre ich am liebsten im Boden versunken. Mit hämmernden Kopfschmerzen machte ich mich also über die 25 Seiten Klausuraufgaben her und war froh, als endlich alles vorbei war, ich nach dem Beenden der letzten Aufgabe allerdings kaum mehr wusste, was die erste gewesen war.
Heute habe ich mich dann auf die Reise gemacht, um meine Scheine einzusammeln und Prüfungsergebnisse zu erfragen (das ist ja gar nicht so einfach, wie man sich das denkt: Die Tippsen laufen wieder zur großen Form auf und lassen sich erst einmal Personalausweis, Studienausweis und nach Möglichkeit noch den Schlübber zeigen, bevor sie die albernen Zettel rausholen. Eine war gleich ganz aus dem Häuschen und meinte “Ich hab davon gar keine Ahnung, ich bin ja nur eine Aushilfe. Dürfen Sie die Scheine mitnehmen oder muss ich ja erst mal Herrn Professor Doktor rer nat. anrufen?” - “Was dachten Sie denn, was Sie mit den Scheinen machen sollen ? Die Wohnung verschönern?” Und gewisse Listen gibt es nur online, worauf ich keinerlei Zugriff habe). Aber alles ist merkwürdiger weise sehr erfreulich ausgegangen, auch wenn ich mich noch bis jetzt frage, wie es sein kann, dass ich die eine Klausur als einziger Diplomer recht passabel bestanden habe. Und das Ganze ohne irgendwelche Bonuspunkte und knapp drei Tagen, in denen ich mich mit dem Unsinn beschäftigt habe. Aber was solls. Fertig. Jetzt können wir uns wieder der großen “internationalen Spitzenforschung” widmen. *hust*

Komm, wir fahren nach Amsterdam…

Hase am 28. Juni 2008 um 13:01

Warum mir in Rückblick auf die letzten Wochen dieser trashige Hit von Cora eingefällt, weiß ich auch nicht. Einige Wochen sind vergangen… Aber wie eine Bekannte von mir letztens sagte: “Also seit dem ich Sie kenne, also da weiß ich, dass immer wieder was passiert!”
Gestern riefen die Veranstalter der großen Vorlesung “Teilchenphysik für Fortgeschrittene” zur großen Abschlussklausur. Irgendwie war das die Vorlesung, die über das Semester meine ganze Aufmerksamkeit erhalten sollte, so sollte sie doch auf die tolle Diplomarbeit vorbereiten - angefangen hat es doch glatt zu Beginn des Semesters mit dem Ausruf “Viel Spaß! Sie sind ja jenseits aller Scheinverpflichtung hierbei, und dann können wir das ja ein wenig entspannter angehen”. Entspannt hieß, dass man jede Woche natürlich seine tollen Übungszettel abgab, bei denen kaum ein Auge trocken blieb (falsche Aufgabenstellung, unlösbar ohne weiteren Angaben, zeitraubend…), mit dem Anspruch, im Laufe der Vorlesung an die aktuellen Forschungsergebnisse in Theorie UND Experiment heranzuführen. Aber das reichte ja noch nicht - zum Erlangen eines Leistungsscheines wollte man auch noch eine “kleine Klausur” haben. “Aber machen Sie sich keine Sorgen, das wird total billig!” ließ der ehrenwerte Prof. Dr. verlauten. “Keine Lagrangedichten, keine Stringtheorie, absolute Grundlagen! Sie müssen eigentlich keine Formel können!” Zu Beginn der Klausur rauschte der aufstrebende Junior Prof, der den zweiten Teil der Vorlesung gehalten hatte, in den Klausurraum, setzte sich auf einen Tisch und meinte: “Naja, also wissen Sie. Es ist ja so, dass jeder von uns drei Aufgaben gestellt hat. Ich habe die Aufgaben 4 bis 6 gestellt. Ich würde vorschlagen, Sie bearbeiten diese zuerst. Herr Prof. Dr. ist irgendwie ein wenig übers Ziel hinausgeschossen! Aber machen Sie sich keine Sorgen, das wird schon reichen!”
Die erste “total billige” Aufgabe bestand darin, das Verhältnis der Phasenraumfaktoren zweier vorgegebener Zerfälle auszurechnen. Wusste man die längliche, doch so mühsam in den Übungen hergeleitete Formel (”Sie müssen keine Formeln können!”) nicht, dann hatte man halt Pech. Da man ja selbst Experimentalphysiker war, durfte natürlich auch eine Prüfungsaufgabe zu den großen Detektoren nicht fehlen, die immer wieder nebulös auftauchten. “Zeigen Sie auf, wie man bei dem Detektor XY die Effizienz der Impulsbilanz verbessern kann!” Schade allerdings, dass der gesamte Kurs von dem besagten Detektor noch nie etwas gehört hatte. Da fiel es auch nicht weiter auf, dass die sich anschließende Frage nach der Antiteilchenproduktion nicht lösbar war, wenn man nicht ganz zufällig wusste, wie groß die Zerfallslänge des Z-Bosons ist.
Die Fragen des Junior Professors waren zwar dagegen extrem anspruchslos, aber die Logik, warum ich mit ein und der gleichen Formel fünf verschiedene Luminositäten ausrechnen sollte, habe ich auch nicht ganz verstanden. Als die Bearbeitungszeit um war, flötete es von vorne: “Bitte vergessen Sie nicht, nächste Woche noch den Übungszettel abzugeben!” Bestimmt nicht. Ein Kursteilnehmer rief leicht angespannt: “Warum soll ich den denn abgeben, wenn ich Ihre Klausur eh verkackt habe?”
Der Mittwoch war auch erwähnenswertes Highlight in universitären Gefilden: Auf dem Plan stand die knapp dreistündige Vorbesprechung zum großen Fortgeschrittenen-Praktikum auf dem hochheiligen Desy-Gelände. Kaum betrat ich mal wieder die geweihte Erde, hätte ich schon wieder kotzen können. Mit Schrecken stellte ich fest, dass ich zur bestimmt mal wieder ausufernden Ausarbeitung zu jedem Versuch noch in einem Kolloquium einen Vortrag halten darf (”Sie ja fortgeschritten!”). Mit einem glücklichen Händchen habe ich natürlich wieder einmal die unkompliziertesten Versuche ausgesucht… Der erste Versuchsleiter warf mir eine zerfletterte 50seitige Anleitung auf den Tisch und verwies auf die 50 Aufgaben, die zu Beginn des Versuchs bitte gelöst werden sollen. Nach dem Aufruf, dass der zweite Versuch “absolut am Puls der Zeit und nur am PC” gelöst werden sollte und in der Hoffnung “topaktuelle Forschungsarbeit” miterleben zu dürfen, flog mir die 100seitige Abhandlung in die Arme. “Wir treffen uns dann um 9!” war der abschließende Kommentar. Die Krönung allerdings war der mysteriöse “Hasylab”-Versuch, hinter dem sich dreidimensionale Röntgenbeugung an Kristallen mit anschließender Formfaktor-Bestimmung verbarg. Herr Professor Dr. persönlich leitet das große Event. Herr Prof. war ganz stolz: “Dieses Versuch Sie machen, dieses Versuch ganz beliebt und topaktuell! In Denmark, ein Professor jedes Semester hält eine Lecture zu diese Thema und kommen dann als exchange-student for only one week nach Deutschland und do the exercise!” Ah so. Und da wir ja die “internationale Spitzenforschung” sein wollen, machen wir das ohne einsemestrige Vorlesung dazu, sondern einfach mal spontan in einer Woche im Rahmen des F-Praktikums. “Preparation… also Sie können lesen…” Herr Prof wühlt in der Vorlesungsmappe und zaubert ein zerflettertes 400-Seiten-Büchlein heraus. Als ich in gebrochenem Kauderwelsch verkündet bekomme, dass ich das gute Buch als Vorbereitung lesen darf, schliddere ich ungewollt in einen Lachanfall und verlasse schnell den Seminarraum.
Zu guter Letzt klettere ich in die Kellergewölbe von Desy. Nach ein wenig Herumirren und stolpern über Kabel habe ich die Rumpelkammer zum Holographie-Versuch gefunden. Ich werde angemotzt, weil ich nicht weiß, wo Gebäude 63c ist. “Haben Sie etwa noch nie eine Desy-Führung mitgemacht?? Dann kommen Sie mal am Samstag um 10 ans Tor, da gibts immer eine Führung!”
Falls man mich also im September suchen sollte, weiß man, wo man mich findet. Wenn nicht und man keine Lust hat, bis Samstag um 10 zu warten, so gibts am Pförtnerhäuschen auch einen Lageplan.
Zum Ausgleich von den Höhenflügen der Spitzenforschung und akademischem Wahnsinn werde ich jetzt ins Fitnesstudio aufbrechen. Vielleicht gönne ich mir auch das angeprangerte “schweißtreibende Dance-Workout” (es fehlt eigentlich der Zusatz “Spitzen-Dance-Workout”). Vielleicht spielen sie ja auch Cora. :-) Im Holmes Place komme ich mir immer wieder wie in einer fremden Welt vor, fernab von der Spitzenforschung. Hier ist man bodenständig geblieben. Die extatische Hoppserei wird zu billiger Dance-floor-Musik abgehalten. Man brüllt auch mal gerne. Man sieht zwar gut aus, aber ist zum Teil hohl wie die Nacht: “Du machst das dann 3 mal 25 mal!” - “Also 75mal!” - “Nee, 3 mal 25!” - “Das sind doch 75!” - “Echt? Ey, ich kann nich sun Studentenscheiß!” Man ist bodenständig geblieben. Da kann man auch mal drüber hinweg sehen, dass der Türke letztes mal neben mir nach jeden 10 Situps sich das T-Shirt hochschiebt um zu gucken, ob es schon gewirkt hat. Und wenn ich nach 50 mal leicht schwächel, dann stelle ich mir Gesichte vor. Das von Herrn Prof. Oder das von meinem psychopathisch veranlagten Erzeuger. Wenn es ganz schlimm kommt, dann sage ich mir das Wort “Spende” vor. Dann schaff ich sogar 90. Spitzenforschung.

Deutschland sucht den Superstar 2008: Lächerlich

Hase am 18. Mai 2008 um 12:32

Dieses Jahr habe ich tatsächlich die insgesamt 5. Staffel des Medienspektakels gänzlich am Bildschirm verfolgt. Jeden Samstag bildete die Anmoderation “Ich bin Marco Schreyl und das sind Ihre Superstars!” den Auftakt zum munteren Trällern, bei dem es zumeist um alles Andere ging als die beste Stimme Deutschlands. Wie heimlicher Chef-Juror Dieter Bohlen gestern abend in der finalen Show meinte, er könne “auch ein Kilo Hackfleisch in die Charts bringen”, so hat er den Nagel in seinem ihm eigenen Hang zur drastischen Wahrheit auf den Kopf getroffen: Es ging um die große Show, um die große Vermarktung - die gesangliche Leistung dabei ist eher weniger interessant. So ist es möglich, dass sich ein pubertierender Teenager, der selbst zu dämlich ist, sich den Text von “Wake me up, before you go-go” zu merken und ihn dann auch noch zu singen, durch die halbe Show quält, ohne auch nur in einem Lied die Töne zu treffen oder ein paar auszulassen. Der Schüler einer Hauswirtschaftsschule allerdings erkennt seine eigene Peinlichkeit nicht, indem er seinem Stylisten vorwirft, ihm “schwule Klamotten auszusuchen, die seinen männlichen Körper nicht zur Geltung bringen”. Selten haben wir so gelacht.
Gestern nun war das große Finale, und da verging mir dann auch schon das Lachen. Die Zahnspangen-Generation der hysterisch aufgeschreckten Teenager hatte sich letzte Woche das Finale in Form von Fady Maalouf und dem jetzigen vermeindlichen Superstar Thomas Godoj zusammen gewählt und die 16jährige Linda rausgekegelt, nachdem sie sich doch glatt am Ende ihres letzten Auftrittes dazu hinreißen lassen hat, ihren neuen Freund vor laufender Live-Kamera zu küssen. Noch zwei Stunden zuvor schmetterte sie das wahrscheinlich enorm anspruchsvoll zu singende Lied “Don’t stop the music”, aber für sie war an diesem Abend die Diskofunzel aus.
Das Traurige ist, dass man das Finale eigentlich gar nicht hätte gucken müssen oder überhaupt durchführen hätte müssen - der Sieger stand eigentlich schon fest. Wer sind denn eigentlich die Finalisten ? Im Grunde genommen waren es wieder einmal zwei arme Schweine, die eigentlich ähnlich wie Marc Medlock “keinen Plan B” hatten: Auf der einen Seite einen geflüchteten Libanesen aus Hamburg, der sich mit einem Job als Mitarbeiter einer großen Coffee-Shop-Kette durchschlug, auf der anderen Seite einen 30jährigen erfolglosen Bandsinger und Hartz-IV-Empfänger aus dem Ruhrpott. Der eine hat eine charismatische Ausstrahlung, der andere hängt ausgelutscht wie ein Schluck Wasser in der Kurve in der Kamera-Ecke rum. Der eine kann singen, der andere brüllt Rocksongs ins Mikro.. Aber nein, ich wollte ja nicht in das gleiche Fahrwasser wie die sonstige Berichterstattung geraten.
Erstaunlicher weise hatte Pop-Titan Bohlen schon beim Casting Recht gehabt, als Fady zum großen Vorträllern in Hamburg anmarschierte: “Also ich mag deine Stimme nicht und möchte mit dir auch keine Platte machen!” Muss er ja auch jetzt nicht. Der “Bär” ließ sich in einem Interview dazu hinreißen, das Gesangstalent von Fady mit “er kann Balladen und ein bisschen Swing, das wars dann aber auch!” zusammenzufassen. Und was kann der Ruhrpottrocker? Ich fand seine Auftritte mit der Zeit langweilig und mir kam es vor, als ob er nur immer wieder ein und das gleiche Lied rocken würde - es wurde sogar “Let it be” zu seiner Gröhlnummer vergewaltigt. In dem finalen Lied, einem Duett von “My way” offenbarte er, dass er bei dieser Liga des Singens schmerzlich versagt und anscheinend noch nicht einmal seine Einsätze kannte. Aber da war ja bereits alles zu spät und Godoj durfte nach der großen Verkündung seines Sieges wieder einmal dümmlich in die Kamera starren, zu seiner Mutter rüberschielen, die seine Wäsche wäscht und Sohnemann nach eigenen Bekundungen zu DSDS geschliffen hat, und “ich bin platt” sagen.
Platt war ich auch, als ich mir heute morgen einmal ein wenig genauer die Berichterstattung der letzten Wochen angeguckt habe. Die Gründe, warum Fady niemals das Siegertreppchen erklimmen konnte, waren für mich klar, doch dass sie von den Medien derart breitgeklopfft wurden, hat mich doch erschrocken. Ich habe es zwar bereits beim damaligen Casting nebenbei bemerkt, als Fady seinen “Recall”-Zettel in die Hand gedrückt bekommen hat, doch die BILD-Zeitung brauchte für diese große Erkenntnis ein paar Wochen länger, doch in der (ich glaube) zweiten Mottoshow prangerten die Schlagzeilen dann die ach so schlimme Wahrheit an: Fady ist verheiratet! Nein! Mit einem Mann! Ach du Schreck. Mit einem Mann! Fady ist schwul! Deutschland am Boden. In der ganzen polemischen Berichterstattung fehlte eigentlich nur noch die Schlagzeile “Pervers - DSDS-Kandidat treibt es mit Männern” - was wurde nicht alles ausgegraben: Von der Farbe der Tapete an den Wänden der Fady’schen Wohnung, dem “Hochzeitstag” bishin zur Urkunde der eingetragenen Lebenspartnerschaft war alles dabei. Bei Zeilen wie “der Kadidat ist mit einem Mann verheiratet! Er lebt mit einem Mann zusammen wie mit einer Frau!” frage ich mich doch wirklich, wo wir hier eigentlich sind. Ob der arme Mann nun mit einem Mann, einer Frau, oder einer aufblasbaren Puppe ins Bett geht, interessiert doch an dieser Stelle nun wirklich nicht - und ich fand den ebenfalls schwulen Marc Medlock letztes Jahr einfach nur schrecklich. - Weil ich seine Stimme und seine Art der Show einfach nicht mochte oder mag.
Wie immer in Deutschland kommt es auch hier darauf an, wie man mit diesem kleinen Stigma umgeht, sei es als Lehrer, Politiker, Bäcker, Taxifahrer oder eben als DSDS-Kandidat: Kümmert man sich nicht drum, verliert man. Was Medlock sich zu Nutze machte, ließ Fady stillheimlich im Boden versinken, wo es zwar eigentlich auch hingehört, aber dort gärt wie Alkohol: Kommentiert man seine “Veranlagung” nicht, bekennt man sich nicht, diskutiert es nicht, dann macht man sich angreifbar. Schnell wurde die Kriegsfamilie aus Beirut angeflogen und Fady erging sich in Dankessagungen der Unterstützung bei seiner Familie. Die BILD-Zeitung allerdings hat auch herausgefunden, dass sein Lebensgefährte gleich neben Momma saß (die komischer weise nicht angeekelt auf die Stuhlkante gerutscht ist, obwohl Homosexualität in ihrer Heimat ein Fall für den Knast ist) und der mit keinem Wort bedacht wurde. - Auch wenn man ihm vorwarf, mit seinem Abschlusstitel “Blessed” (gesegnet) gewisse Liedzeilen nur dem schmutzigen Etwas im Schlafzimmer gewidmet zu haben. Hätte er die damalige Steilvorlage von Bohlen angenommen und sich zu den “schlimmen Schlagzeilen” geäußert, wäre vielleicht alles anders gekommen. Vielleicht aber auch nicht. Ich selbst war auch etwas verwirrt, als mich ein Leistungskurs einmal fragte: “Sagen Sie mal, sind Sie eigentlich schwul?”, aber offensichtlich gehört das dazu.
Wie auch immer: Deutschland hat seinen Superstar gewählt, ab Freitag kann man die Single von Thomas Godoj kaufen, aber mein persönlicher Superstar bleibt Fady, der mich mit seinen Interpretationen von “She’s like the wind”, ganz besonders “Never gonna give you up”, “Feeling good” und natürlich mit dem für ihn geschriebenen Lied “Blessed” begeistert hat. Gesegnet halt ;-)

Studieren für Fortgeschrittene

Hase am 9. Mai 2008 um 16:30

In diesem Semester ist irgendwie alles Anders: Es geht um Leistungspunkte, Prüfungsbestimmungen, die Wahl des Schwerpunktes und immer wieder um die Tatsache, dass eigentlich keiner so ganz wirklich genau weiß, was wie zu machen ist. Das stellt sich dann erst ganz zum Schluss bei den Schlampen im Prüfungsamt heraus, ob man richtig gedacht hat. Und ob die das so genau wissen, steht in den Sternen. Die Studienordnung ist an diesen Stellen nicht unbedingt das klarste Schriftstück.
Aber man soll sich ja nicht allzusehr mit den Formalitäten einer Studienordnung beschäftigen, sondern das Hauptaugenmerk soll ja selbstverständlich auf die Sache an sich gerichtet werden - und so starten Dozenten und Studenten jedes Semester aufs Neue in ein großes Abenteuer: Vorlesung. Beide Seiten schliddern recht naiv in die Misere hinein, da sie leider nichts auf das vorbereitet hat, was sie erwartet, ausser das die jeweilige Veranstaltung in der Regel Suffixe wie “für Fortgeschrittene” oder “Teil VI” und dergleichen aufweist. In der großen Vorlesung zur Quantenfeldtheorie war der ehrenwerte Professor Doktor sogar ganz vor den Kopf geschlagen, als ich die Stimme mit der Frage erhob, wie es eigentlich mit Scheinkriterien aussieht. “Welche Scheine?” war die leicht perplexe Erwiderung. Es mag etwas Neues für Herrn Professor sein, dass die Studenten in der Regel nicht nur aus Begeisterung ihre kryptischen Vorlesungen hören, ihre beschissenen Aufgaben lösen und das Ganze mit einem Lächeln auf den Lippen ertragen, sondern doch gerne irgendwie eine Dokumentation für die Mühe (landläufig auch “Schein” genannt) erhalten. Herr Professor sah das etwas anders: “Also…äh..da überfahren Sie mich gerade. Ich hab doch extra (stampft mit dem Fuß auf) dieses Semester keine primitive Kursvorlesung übernommen, damit ich das Drama mit den Scheinen nicht habe!” Die schlaffe Gesichtshaut bekommt eine ungesunde rötliche Färbung und die weißhaarigen Zotteln fliegen durch die Luft und ich kann knapp widerstehen, ihn zu fragen, ob er auf den Arm will. Zwei Wochen später sind die Wogen geglättet (”Wenn Sie bei mir eine Prüfung machen wollen, dann kriegen Sie schon einen Schein. Sie werden ja wohl kaum auf die Idee kommen, bei mir eine Prüfung machen zu wollen, wenn Sie meine Vorlesung nicht gehört haben!” - nein, nichts läge mir ferner) und das übliche Vorlesungsgeplänkel setzt ein. Herr Professor Doktor kündigt an, in dieser Vorlesung etwas über die “mühs” und “nüs” sagen zu wollen, zuvor aber etwas über “u” und “v”. Ah so. Bereits in der ersten Sitzung verstand es Herr Professor, mir sein unbestreitbar imenses Können unter Beweis zu stellen, als er zaghaft in den kleinen Seminarraum pustete, als erstes die Casimir-Operatoren der Poincare-Lie-Gruppe in reduzibler Darstellung zu bestimmen. Etwas verschämt habe ich Zuhause nachgeschlagen, was denn der tolle Casimir-Operator so ist, da Herr Doktor der Ansicht war, das würde man ja schon der Quantenmechanik I machen (von der Abfälligkeit, mit der er das sagte, könnte man das folglich schon in der Grundschule erwarten). Hätte er doch sagen können, dass der mit allem kommutiert, so wie das skalare Quadrat des Drehimpulsoperators. Naja, macht ja nichts. Aber ein Vorlesungsziel wird sicher stets eingehalten: Bitte deutliche Abgrenzung von den so verhassten primitiven Kursvorlesungen (mit Scheinverpflichtung), auch wenn Herr Doktor seine hochgehaltene Messlatte selbst meistens nicht ganz erfüllen kann und plötzlich ganze Herleitungen über 8 Tafeln schlichtweg falsch sind: “Ja, äh…also hier…ja..ohje. Also ich finde den Fehler nicht, ich kann auch irgendwie gar nicht mehr lesen, was da an der Tafel steht! Ja, ähm…also ich würde vorschlagen, Sie überlegen sich das zu Hause mal selbst!” Mit einem blasierten Lächeln flüchtet Herr Doktor aus dem Raum.
Ein nicht zu unterschätzendes Instrument des Vorgangs “Physik studieren” ist die immer wiederkehrende Bearbeitung der geliebten Aufgabenzettel. Was wäre ein Physik-Student ohne sie. Wer dabei an irgendwelche primitiven Rechenaufgaben für Nebenfächler denkt, ist dabei schief gewickelt. Aber auch bei diesem Vorgang ist man mittlerweile auf dem Niveau für “Fortgeschrittene”. Hier anbei ein paar Lösungsvorschläge, die so leider nie verkündet wurden:
1. Lesen Sie die Aufgabe durch und überlegen Sie, ob Sie in den Zeilen eine gewisse Logik entdecken können.
2. Versuchen Sie die Aufgabe so zu lösen, wie sie gestellt ist.
3. Stellen Sie fest, dass Sie dabei zu scheitern drohen.
4. Schnappen Sich sich eines der guten Bücher (gut ist proportional zu teuer und das wiederum antiproportional zum Bestand in der Staatsbibliothek) und arbeiten Sie sich in das Thema ein paar Stunden ein.
5. Verschaffen Sie sich soviel Wissen, dass Sie erkennen, dass die Aufgabenstellung falsch ist. Überlegen Sie, was falsch sein könnte. Manchmal kann es nur ein falsch gebildetes Differential sein, manchmal ist die gesamte Formel falsch und wenn es ganz arg kommt, dann könnte es sogar sein, dass Ihr Dozent eine ganz andere Aufgabe stellen wollte, diese allerdings nicht ganz gelöscht hat und somit die Unlogik der Aufgabe darin verborgen sein könnte, dass es im Grunde genommen zwei komplett unterschiedliche Aufgaben sind - dann müssen Sie selbst entscheiden, welche davon Sie gerne lösen möchten. Dazu müssen Sie eine gewisse hellseherische Fähigkeit mitbringen, damit Sie die richtige erwischen, denn die Korrekturassistenten gehen streng nach der Musterlösung, bitte keine unnötigen Abweichungen. Dass Sie die Musterlösung nicht kennen, erschwert es ein wenig.
6. Formulieren Sie die Aufgabe neu.
7. Lösen Sie diese Aufgabe.
8. Führen Sie eine hitzige Diskussion mit Ihrem Übungsgruppenleiter, der sich mit den Aufgaben meist gar nicht beschäftigt hat und überzeugen Sie ihn davon, dass Ihre Lösung richtig sein muss.
9. Für die Fortgeschrittenen der Fortgeschrittenen: Es könnte passieren, dass Sie die Lösung gefunden haben zu der von Ihnen gestellten Aufgabe, Sie in Ihr Skript von Herrn Professor Doktor gucken und feststellen, dass jener eine dritte Variante von dem von Ihnen bearbeiteten Sachverhalt erkannt hat. Dann haben Sie ein größeres Problem, als gedacht. Dann kann es passieren, dass sich Herr Prof Doktor in die Vorlesung stellt und feststellt, dass “wenn das jetzt nicht so ist, dann habe ich das Thema nicht verstanden!”. Dann können Sie eigentlich nur noch eins machen: Streichen Sie die Aufgabe aus Ihrem Kopf und widtmen Sie sich dem nächsten Aufgabenblatt. Es kommt bestimmt.
Alles also frei nach dem doch so häufig gehörten Motto: “Ich könnte jetzt hier…aber ich wollte Ihnen eigentlich doch noch…äh…ja, also wenn Sie sich das jetzt mal…ähm…moment…nein, doch nicht…äh..darauf bin ich jetzt doch nicht vorbereitet..naja, Sie können ja vielleicht auch zu Hause das nochmal..äh…” Aber wir sind ja auch nicht mehr in den primitiven Kursvorlesungen. Mit Schein.

Prüfungen: Dem Infarkt nahe

Hase am 31. März 2008 um 11:44

Donnerstag war der Dunkle Tag X. Die Bewältigung meines persönlichen Alptraumes stand bevor: Letztes Jahr hatte ich bei einem von mir auserkorenen Lieblingsprofessor eine Prüfung und ein absolutes Blackout, so dass es mir vorkam, als ob Herr Prof Dr. in einer fremden Sprache sprach und ich nicht mal eine Newton’sche Bewegungsgleichung auf die Zettel kritzeln konnte, ohne ständig Indexfehler zu machen oder diese dusseligen Vektorpfeile zu vergessen - mit dem Endeffekt, dass ich 10 Minuten nach Beginn die Prüfung abbrach und so freiwillig die erste Fünf meines universitären Lebens entgegennahm. Ich war derart durch den Wind, dass ich es sogar schaffte, eine geschlagene Stunde auf dem DESY-Gelände herumzuirren und schon einem hysterischen Heulkrampf nahe war, als ich den Ausgang nicht fand. Seitdem schüttelt besagter Professor nur mit dem Kopf, wenn ich ihm auf dem Gang begegne (wahrscheinlich bilde ich mir das allerdings nur ein..) und sobald die Sprache auf den Lagrange-Formalismus oder ähnliches kommt, verspüre ich einen Brechreiz. - Dabei hat mir das Thema doch eigentlich Spaß gemacht, da es eine der formalsten Vorlesungen der Physiker-Ausbildung ist.
Aber es ist ja nun mal so, dass man die Prüfung irgendwann abgehakt bekommen sollte, und so reichte ich nochmals einen Antrag in der Prüfungsstelle ein und begab mich in die Staatsbibliothek, um die verhassten Bücher aus den Regalen zu ziehen.
Die letzten 10 Tage waren ein einziger Albtraum. Ich kann mittlerweile das ach so tolle Buch von Torsten Fließbach “Mechanik” (ein absoluter Gassenhauer) halbwegs auswendig, auch wenn ich am liebsten das Kapitel über das Noether-Theorem neu schreiben würde - wie man ein so klares Theorem so diffus und kompliziert erklären kann, werde ich wahrscheinlich nie verstehen. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag ging ich im Bett in Gedanken das ganze 400-Seiten-Büchlein Kapitelweise durch und bin irgendwann bei der Herleitung der Invarianz des Phasenraumvolumens eingeschlafen.
Auch in Zeiten der günstigen Studiengebühren ist man auch vor der Prüfung für sein Glück selbst verantwortlich: Man darf nämlich (bitte zwischen 9 und 12 Uhr) sein Prüfungsprotokoll selbst in der Prüfungsstelle für Naturwissenschaftler abholen und muss es nach dem Großen Ereignis dort wieder abliefern. Als ich den braunen A3-Umschlag in der Hand hielt, wäre ich am liebsten im Boden versunken und das dumme Protokoll in den Müll geworfen. In Gedanken formulierte ich an diesem Tag schon meine Bewerbung beim Lidl-Markt an der Kasse.
Anbei ein kleines Wort an die Schlampen in der Prüfungsstelle: Ich weiß, dass es schwer ist, als Verwaltungsfachangestellte akademische Karrieren in welcher Form auch immer zu betreuen, aber wenn man als Prüfling sein Protokoll abholt, ist man in der Regel nervlich etwas angespannt. Den kleinen Vortrag über meine Überschreitung der eigentlichen Prüfungsfristen hätte man mir eigentlich auch irgendwann anders halten können. Vielleicht auch von jemand anderem. Die Versuchung ist vielleicht groß, aber die Tanten verwalten die Akten und schreiben nicht selbstständig die Prüfungsordnung. Und wenn man ihn mir hält, hätte man vielleicht auch zuhören können. Statt dessen wird mir da ein kleiner Zettel in die Prüfungsakte getackert, den meine Prüferin unterschreiben musste, obwohl sie mit der ganzen Sache gar nichts zu tun hatte, und ich kam mir ein wenig wie in der 3. Klasse vor, als ich mein Sportzeug zum wiederholten Mal vergessen hatte.
Zur letzlichen Krönung durfte ich mir 4 Stockwerke tiefer noch einen Stapel Klausuren abholen, den ich bis Freitag noch mal eben schnell korrigieren sollte und so trat ich bepackt die Heimreise an, um drei Stunden wie auf glühenden Kohlen abzuwarten, bis ich in die Jungiusstraße und der Katastrophe ihren Lauf nehmen lassen durfte.
Dervanil fuhr mich zum theoretischen Institut; wie ich allerdings in den zweiten Stock zu Frau Prof. Dr. getorkelt bin, weiß ich nicht mehr, nur, dass mir speiübel war. Frau Dr. traf ich in ihrer gewohnt unsortierten Art an: Sie war gerade dabei, ihr Büro aufzuräumen. Zettel flogen durch die Luft, als sie mich aufforderte, mir an dem mit weiteren Zetteln überladenen kleinen Tisch einen Platz freizuschaufeln. Bevor der hochmotivierte Doktorant in seiner Form als Beisitzer anmarschierte, schüttete Frau Dr. mir ihr Leid über die Unordnung in ihrem Büro aus. Wenige Augenblicke später saß mir Frau Dr., bewaffnet mit einer Tasse Kaffee, gegenüber an dem zugemüllten Tisch, der Beisitzer artig zwischen uns, und ich versuchte, ihr mein Leid nahe zu bringen. Mittlerweile war ich so angespannt, dass ich ihr sogar offenbarte, dass ich nicht viel erwarten würde, und nur durchkommen wollte. Mit einem Schluck aus der Tasse wurde diese Selbsterniedrigung mit einem “wir machen jetzt diese Prüfung, und Sie versuchen das Beste dabei rauszuholen. Wir machen das schon!” vom Tisch gewischt. “Aber diesen komischen Zettel hier unterschreibe ich nicht! Was ist das eigentlich für ein alberner Kram immer mit dem Prüfungsamt!” Naja. Der Beisitzer lächelte mir aufmunternd zu, als er mir einen Packen Zettel hinschob, auf deren Rückseite ich schreiben durfte. Es handelte sich anscheinend um eine alte Bachelor-Klausur. Man muss ja auch nichts verschwenden.
Umso verwirrter war ich, dass die ansonsten doch so allseits beliebte Frage “Was hat Ihnen denn am besten gefallen?” (wobei diese Frage ja impliziert, dass man von den sonstigen Inhalten auch vor Bewunderung vom Stuhl geflogen ist) ausfiel. Ziel dieser eher rhetorischen Frage ist es, dem Prüfling die Wahl zu lassen, mit was man anfängt, damit man wenigstens mit einem Gebiet startet, das einem liegt. Frau Dr. sah das an diesem Tage anscheinend anders und kam gleich mit dem Klopfer der Vorlesung um die Ecke und fragte mich nach der Lagrange-Funktion des Kepler-Problems. Im Folgenden spulten wir das gesamte Programm ab, von der Transformation der Lagrange-Funktion auf geeignete Koordinaten, die die Separation der Differentialgleichung zur Folge hat, über die Rotationsinvarianz mit der Folge der Drehimpulserhaltung nach Betrag und Richtung (”Ich will das bewiesen haben! Und nicht die Anfängerantwort!”) bishin zur Energiebetrachtung und die verschiedenen Bewegungsmöglichkeiten (”Toll! Dann malen Sie das mal auf!”) und als Krönung wollte sie mit Begründung die Potentiale haben, die zu einer geschlossenen Bewegung führen.
Nach diesem Kraftakt entspannte man sich auf beiden Seiten des Tisches sichtlich. Frau Dr nahm eine geradezu laszive Haltung an und halb erwartete ich, dass sie die Füße auf den Tisch legen würde. “Geht doch!” meinte sie, nachdem sie vom Kaffee aufgestoßen hatte.
Nach einer didaktisch etwas holprigen Überleitung gab es die Frage nach dem gezielten Aufsuchen der Erhaltungsgrößen. Nachdem wir zyklische Koordinaten und Co schon auf unserer großen Rundreise abgehandelt hatten, hatte ich das verhasste Noether-Theorem im Angebot. Nachdem wir ordentlich und artig das Ding aufgeschrieben hatten und Frau Dr. zufrieden seelig lächelte, nachdem ich ihr die mathematischen Voraussetzungen auseinander gepflückt hatte, kam die blasse Frage: “Können Sie den Satz beweisen?” Erstaunlich selbstsicher nahm ich die Aufforderung an und leitete ihr die gewünschte Differentialgleichung her. Es brachte irgendwie sogar perverser Weise Spaß. Nachdem wir das hinter uns hatten, war irgendwie die Anspannung gänzlich raus und die weitere Prüfung glich eher einem Gespräch über theoretische Physik als einem Frage-Antwort-Spiel. Bei den kanonischen Gleichungen nach Hamilton kam sogar die Frage: “Mal eine Zwischenfrage: Wie merken Sie sich eigentlich, bei welcher Gleichung das Minuszeichen hinkommt? Ich kann mir das nie merken!”
Nach insgesamt 50 Minuten hatte Frau Dr. scheinbar keine Lust mehr und ich hörte den erlösenden Satz: “Danke schön. Wenn Sie vielleicht noch einmal kurz rausgehen würden?” Das Draußen-Warten dient dazu, dass sich die verbleibenden zwei Personen über die Note, die sie oben auf das tolle Protokoll kritzeln, unterhalten können. Nach kurzer Zeit wurde die Tür aufgerissen und der Beisitzer meinte fröhlich: “Na, herzlichen Glückwunsch!” Verwirrt stolperte ich wieder ins Büro und mein Blick fiel auf das Prüfungsprotokoll. “Was? Haben Sie sich nicht geirrt? 1,0?” Mehr fiel mir irgendwie nicht ein, dazu zu sagen.
Frau Dr. guckte mich ebenso leicht verwirrt an und meinte: “Was haben Sie denn da eigentlich vorhin erzählt? Das war doch alles sehr gut! Und glauben Sie nicht, dass ich die 1 so einfach raushau! - Aber diesen Zettel hier vom Prüfungsamt…was machen wir denn damit?” Nach einer kurzen Pause kritselte sie ihren Namen drunter, hielt mir das alberne Schreiben hin und meinte: “Is ja auch egal. Was sollen wir uns auch noch mit irgendwelchen Paragraphen beschäftigen…” Danach unterhielten wir uns noch eine Viertelstunde über das nächste Semester und dann wurde ich in die Freiheit entlassen. Erst als ich das wieder versiegelte und gestempelte Protokoll bei der Prüfungsstelle abgab, realisierte ich, dass ich es hinter mir habe. Im Grunde war es alles albern. Wie kann man sich nur selbst so wahnsinnig machen. Ob es meinen Schülern und Studenten auch so geht, wenn ich vor ihnen eine Klausur auf die Tische segeln lasse? Hm. :-)