Ein Wochenende im Schweiß
Hase am 13. September 2009 um 12:27Was macht man eigentlich, wenn der Partner übers Wochenende nicht da ist? Man könnte Freunde treffen. Man könnte auch einfach einmal nur faul auf der Couch liegen. Oder aber man könnte das Wochenende im Fitness-Center verbringen. Man zahlt ja schließlich auch dafür.
Auch wenn ich Freitag abend eigentlich doch recht müde war, ließ ich mich dazu überreden, das Krafttraining, dass ich gute 4 Wochen vernachlässigt hatte, wieder aufleben zu lassen und quälte mich gute zwei Stunden durch die Hantelarien mit dem Ergebnis, dass meine Oberarme in der Dusche zitterten, weil man ja auch nicht einsehen möchte, dass man eventuell nach dieser Auszeit etwas weniger Gewichte hätte nehmen müssen. Insbesondere hätte man eventuell den rauschenden Akt an der Beinpresse auslassen können in Anbetracht der Tatsache, dass man ja nebulös ahnte, was am Samstag auf einen zukommen würde. Man hätte. Hat man aber nicht. Erschlagen fiel man daher um Mitternacht, als man sich nach Hause geschleppt hatte, in einen tiefen und vermutlich traumlosen Schlaf.
Den Samstag Vormittag beschäftigte mich unterschwellig die Frage, wie man das Drama mit der Nahrungsaufnahme am besten regeln könnte und ansonsten bezweifelte, ob ich das vorgenommene Programm überhaupt durchstehen würde. Es ist immer ein heikler Grad, auf dem man essenstechnisch wandelt, wenn Bodyattack auf dem Plan steht. Im Laufe der Zeit hat man fast alle Varianten durch: Nichts essen ist tödlich, weil man sofort scheinbar unterzuckert; ausgiebig essen ebenso, da man das Gefühl hat, überhaupt nicht vom Boden wegzukommen. Der goldene Weg hat in einem Salatteller offenbart, den man kurz vor dem Ereignis nach Bedarf mit einem Müsliriegel ergänzt, auch wenn der wahrscheinlich eher nur placebohafte Effekte besitzt. Ob das dieses Mal reichen würde? Unser Maestro verschwindet für sechs Monate ins Ausland und daher stand auf dem Plan die große Abschiedstournee. Dass er im Anschluss nach der üblichen Stunde noch eine sagenumwobene “Challange” geplant hatte, wusste man ja. Auch wenn man sich nichts dadrunter vorstellen konnte, was wahrscheinlich auch besser war.
Womit ich allerdings nicht so ganz gerechnet hatte, war die Tatsache, dass der Maestro auch die Attack-Stunde nicht einfach so abfackeln würde - hätte ich aber auch irgendwie drauf kommen können.
Auch wenn der Maestro anscheinend ob seiner Abschiedsfeier die Nacht nicht geschlafen hatte, hielt ihn das nicht davon ab, wie ein strotzendes Kraft- und Energiebündel durch die Halle zu fegen, als ich mich ins Studio 1 quälte und die vorabendliche Aktion an der Beinpresse verfluchte.
Dieses Mal war das Studio sogar gut gefüllt - wie Fans einer Popband sind doch tatsächlich rund 15 Leute in die Halle gepilgert, um den Trainer zu verabschieden, der innerhalb der Holmes Place-Hallen die härtesten Attackstunden abhielt. “Eines wird wie immer sein: Wir werden hart arbeiten!” Die Diskofunzel rotierte schon fröhlich, als der Maestro sich vor seine Jünger stellte. “Wir können die Stunde natürlich nach Plan mit der jetzigen Choreographie durchziehen… oder aber so, wie ich das zusammengestellt habe! Eure Wahl!” Natürlich war man dann auch gewillt, sich dem Programm zu unterwerfen. In Wirklichkeit hätte man auch eigentlich nichts anderes von ihm erwarten können und da wir anscheinend einen ähnlich schlechten Musikgeschmack haben, konnte es eigentlich nur ein Highlight werden - wenn nur nicht die dazugehörigen Choreos gewesen wären. Ein Bodyattack-Workout ist an sich ja recht starr, doch die Songs unterschiedlich intensiv. Heißt, dass wenn während einer Staffel Song 3 besonders hart ist, ist die erste Belastungsspitze in Track 4 meistens nicht ganz so schlimm. Wenn man das ganze natürlich aus drei Jahren Bodyattack-Tracks mixt, kann dabei etwas Explosives dabei herauskommen.
Und so war es dann auch. Fast ein wenig wehmütig wurden die Arme ausgebreitet und letztes Mal hörten wir “Willkommen…nimm deine Setposition ein… - ah… mein Lieblings-warmup!” Das Diskofetzchen kannte ich noch gar nicht und wären nicht ein, zwei bekannte Elemente dadrin, hätte ich es auch nicht als einen Intro-Song erkannt. Naja. Aus irgendeinem Grund lief mir schon da der Schweiß. Track 2 war eine bis zur Vergewaltigung aufgemotzte Version eines alten Discoknüllers, was natürlich sein Lieblingstrack 2 war, wie sollte es anders sein. Der Maestro begann zu brüllen. Es wurde hart. Während ich mich durch den ersten Block kämpfte, galt meine größte Sorge schon dem zweiten Teil, der in einer normalen Stunde für alle Beteiligten schon stets zu einer Hausforderung wird, während man den ersten Teil in der Regel noch halbwegs mit Enthusiasmus bewältigen kann, wenn man über das nötige Fitness-Level verfügt. Während Track 8 naturgegeben einfach nur mechanisch Durchhalten bedeutet, egal welches Schätzchen man dazu hört, kann die Katastrophe immer in Track 9 lauern, der ja auch offiziell untertrieben “Power” heißt. Auf der qualvollen Reise durch die 64 Push-ups lenkte ich mich mit der Frage ab, ob er das “i need a hero”-Schätzchen vorziehen würde, oder aber “no limit”. Ersteres war eigentlich zu leicht, auch wenn er dort immer hingebungsvoll den Refrain ins Mikro geschrien hatte. Es kam also wie es kommen musste und er hetzte uns durch die aufgedonnerte “no limit”-Arie, die auch mit “we have no limit!” geschrien begleitet wurde. “Erinnert euch, wo ihr hier seid! - Ich will euch schreien sehen! Gebt….alles!” Als das Ding vorüber war, hätte ich mich am liebsten in einem abgedunkelten Raum auf eine Liege gelegt. Auf dem Fußboden des Studios schwammen Schweißpfützen und die Teilnehmer stolperten mehr oder weniger aus dem total stickigen Raum.
Eine Pause war nicht vorgesehen, einzig und allein das Auffüllen der leeren Wasserflaschen war eingeplant, dann stolzierte unser Trainer auch schon wieder in den Raum und hang etwas dramatisch an der Spiegelwand Plakate auf, auf denen der Fahrplan für seine große “Challange” skizziert war. Wäre mein Kreislauf nicht auf Hochtouren gewesen, wäre ich wahrscheinlich blass geworden. In Partnerarbeit sollte eine Art Zirkeltraining mit den Bewegungssequenzen aus der ersten Belastungsspitze abgeleistet werden, wobei abwechselnd die verhassten Push-ups in all ihren wundervollen Varianten abzuleisten waren. Und das ganze auf Zeit. Nach jeweils 8 dieser Kleinigkeiten stand auf den rosa Plakaten “Aerobic: Power”. “Was meint er denn damit?” fragte mich mein Partner und naiv aus dem Bauch heraus sagte ich scherzhaft, dass das wahrscheinlich weitere Highlights aus der “Track 9″-Liste wären. Und so wars dann tatsächlich auch. Ausgerechnet in dieser Challange schaffte er das, was ich eigentlich schon seitdem ich diesen Kurs belege, halb erwartete: Er trieb es tatsächlich so weit, dass eine der Teilnehmerinnen einfach umkippte.
Wir leisteten insgesamt zwei dieser ganzen Zirkel ab und im Nachhinein weiß ich nicht mehr, wie ich das eigentlich gemacht habe. Bei den Bodeneinheiten hatte ich irgendwann nur noch den Wunsch, still auf der Matte zu liegen, während um mich herum die Anlage explodierte, aber selbstverständlich kam dann unser Maestro angallopiert, schmiss sich neben mich auf den Boden und brüllte “Los, Björn! Nicht aufhören! Los, los, wir machen das im Takt!”. An den ersten Power-Track kann ich mich nicht mehr aktiv erinnern, ich weiß nur, dass es eine Tortour war und beim Zweiten beschloss ich einfach, dass es auch mein letzter werden würde und so durften wir noch einmal “no limit” zelebrieren, was ich mit allerletzter Kraft auch tat. Danach hatte selbst der Instructor ein Einsehen und beendete das ganze Drama glücklicherweise mit seinem Cooldown.
Nach der Verabschiedung und dem Duschen brauchte ich fast zwanzig Minuten für die kurze Strecke zur U-Bahn und fiel zu Hause einfach nur noch auf die Couch. Wie in einem Traum fragte ich mich, ob ich tatsächlich auf dem Heimweg in der Bahn die Mutter meines Exfreundes getroffen habe oder ob das schon eine Halluzination gewesen war.
Heute wird nirgendwohin gegangen. Kann ich auch gar nicht. Außer abends zum Bahnhof, um den Freund abzuholen.
Bleibt mir nur, mich für die vielen Stunden am Samstag Woche für Woche zu bedanken. Von diesem Kurs hat ein Aussenstehender keine Möglichkeit, sich ein Urteil zu bilden. Wahnsinn.