Hamburg vor der Wahl - Klippschule für alle?

Hase am 20. Februar 2008 um 14:56

In Folge meiner persönlichen Situation bekomme ich den Wahlkampf, der bis Sonntag Hamburg unerbittlich schüttelt, hautnah mit. Die Stimmungen sind verbissen, auch wenn man bei jeder Gelegenheit, bei der man von einem unschuldigen Journalisten ein Mikrofon an die Lippen gedrückt bekommt, von den vermeitlichen ekstatischen Erfolgen geradezu überwältigt wird. In Wirklichkeit bibbern die in Zukunft verhofften Abgeordneten. Traurig wird es ja immer, wenn man nach der - eigentlich bei jeder Partei in ihren Augen ausgeschlossenen - Niederlage seinen Schreibtisch räumen und stempeln gehen muss, weil man Zeit seines Lebens es nicht geschafft hat, neben seiner politischen Karriere noch eine Ausbildung oder einen Hochschulabschluss zu ergattern.
Wenig erstaunlich ist es daher, dass die populistisch formulierten Wahlziele jeden Morgen dem Wind nach ausgerichtet werden. Dabei gibt es in diesem Wahlkampf doch so erschreckend wenige davon: Die CDU stellt quasi in Ermangelung eines Programms ihre Leitfigur Ole von Beust auf die Bühne und hofft das Beste. Lässt man die zum teil hoch unsachlichen und hetzerischen Beschuldigungen, die Ole von Beusts Sexualleben oder seine häufigen Reisen nach Sylt betreffen, einmal weg, so beschleicht mich trotzdem ein merkwürdiges Gefühl, wenn der amtierende Bürgermeister in der Wahlkampfhitze in einem Fernsehinterview tatsächlich zugibt, dass ihn der Umweltschutz “ehrlich gesagt nie sonderlich berührt hat”, bis er einen Kinofilm sah. Die FDP spannt Sky DuMont vor den Karren und hofft, dass die wirklich wichtigen Themen schon irgendjemand anderes von der CDU anpackt und lässt Spitzenkandidat Hinnerk Fock Flyer in Handschuhen verteilen (zu einer Passantin: “Mit Handschuhen ist das jetzt schlecht, Ihnen das zu zeigen. Aber Sie finden das schon im Flyer!”) und für die Aufhebung des Rauchverbots in Eckkneipen streiten. Die Opposition macht das, was sie am besten kann: Dagegen sein. Egal, gegen was. Den aus einer innerparteilichen Not in Folge eines Stimmzettelskandals geborenen Spitzenkandidaten der SPD kann man am häufigsten in Begleitung einer der Persönlichkeiten aus Berlin bewundern. Dann muss er wenigstens nichts sagen, was leider im Widerspruch zum Parteiprogramm steht. Die hohen Herren und Damen aus Berlin bemühen sich allerdings parteiübergreifend um die Gunst der Hamburger Wähler in Anbetracht auf die schlimme Wahl 2009: So kam sogar die Physikerin aus dem Osten viermal angereist, um für Ole von Beust zu werben. Obwohl sie doch damals festgestellt hat, dass man Homosexualität zwar tollerieren, aber nicht akzeptieren könne. Naja, ist ja Wahlkampf und der Wind kommt von vorne.
Das Züglein an der Waage allerdings möchten die Grünen werden: Beseelt vom Gedanken der Machtergreifung wird mit schreckengeweiteten Augen festgestellt, dass es eventuell für die Rot-Grüne-Koalition nicht reichen könnte. Die Begründung ist schnell gefunden, so hätten die Linken die ganzen Stimmen gemoppst, Herr Naumann sei vielleicht auch nicht so toll und vielleicht ist ja noch irgendwo eine heimtückische Intrige von “Kohleole” am köcheln, dem Spitzenkandidatin Christa Goetsch locker vorwirft, er könne “wahrscheinlich nur Quickies”. Aber wenn es für Rot-Grün nicht reicht, hat man bei der GAL ein Problem, falls sie verschämt doch mit einem verschmitzten Lächeln zu “Kohleole” rüberschaut: Über was soll man denn jetzt herziehen? 90 Prozent aller Reden, die ich gehört habe, handelten nicht von eigenen Ideen, sondern von den “schlimmen Dingen”, die “Kohleole” verbrochen hat.
Als Letztes haben wir da noch die Linken, die zur heimlichen Auferstehung der DKP avanciert, aber hierin sind sich alle Parteien einmal scheinbar einig: Mit den Linken wollen sie nicht arbeiten, auch wenn sie doch die ganzen Stimmen geklaut haben. Dass es eventuell aber so sein könnte, dass man sich notgedrungen mit den Linken verbünden müsste, um zu einer regierungsfähigen Mehrheit zu gelangen, daran scheint niemand gedacht zu haben. Aber jede Partei erklärt ja sowieso mit einem selbstverliebten Lächeln, dass es schon mit der gewünschten Kombination Rot-Grün bzw Schwarz-Gelb reichen wird, obwohl ich das Gefühl habe, dass der eine odere andere schon im stillen Kämmerlein die Zahlen zusammenrechnet und einen Schweißausbruch bekommt.
Die eher unscheinbaren und eher stiefmütterlich diskutierten Themen des Baus des Kohlekraftwerks oder die auch immer nicht geklärte Frage nach dem Mindesteinkommen oder des sozialen Wohnungsbaus, Elbvertiefung und Co stehen allerdings für mich persönlich im Schatten der drohenden Schulreform. Jede Partei hat für dieses schlimme Thema ein eigenes Leitbild, und das Eine ist schrecklicher als das Andere. Während Deutschland unter dem sog. “Turboabi” nach 12 Jahren und der einhergehenden scheinbar unzumutbaren Belastung der armen Schüler leidet, da die süßen Sprößlinge mit etwa 30-35 Wochenstunden überfordert seien und nur noch zu Hause sitzen und lernen würden (ich hatte übrigens sogar noch Samstags in der Oberstufe Unterricht, saß unter der Woche auch bis um teilweise 16 Uhr im Unterricht - und zwar nicht nur Sport - und geschadet hat es mir mit Sicherheit nicht), kommen geisterhafte Utopien auf den Markt, die Abhilfe schaffen sollen, dass die Hamburger Schulabschlüsse dem Nihilismus verfallen und Schüler mit Migrationshintergrund und solche aus sozial schwächeren Schichten unter einer Chancenungleichheit leiden.
Allen Vorschlägen gemeinsam liegt die Idee der Ausbauung der doch eigentlich offiziell gescheiterten Gesamtschulpolitik zu Grunde. Die CDU träumt von einem zwei-Säulen-Modell, einer Einheitsschule, die munter zusammengewürfelt alle Schüler der bislang existierenden Schulformen etappenweise einen Abschluss hinterwirft und in 13 Jahren zum Abitur führen soll, sowie die erklärte Eliteschule in Form des Gymnasiums, das in 12 Jahren den Schülern das Abiturzeugnis in die Hände drückt. Der Aufschrei des Potests, damit ein “Zwei-Klassen-Abitur” zu schaffen und somit wieder eine Chancenungleichheit zu produzieren, leuchtet ein. Wenn immer die Sprache übrigens darauf kommt, murmelt man sich bei der CDU etwas in den Bart und geht schnell zum nächsten Thema über. Statt sich etwas auf ihren Vorwurf allerdings auszudenken, schreitet man in der Opposition - besonder die GAL prescht mit diesem Thema über die Brüstung - zur weiteren Fokussierung: Wenn Frau Christa Goetsch, ihres flammenden Zeichens ehemalige Lehrerin für Physik, obwohl sie Bio und Chemie studiert hat, den Stuhl der Bildungssenatorin besetzt, dann gibt es sogar gleich nur noch eine Schule, die nach dem Motto “9 macht klug” alle Schüler zusammen unterrichten will, mit dem eindringlichen Hinweis, dass es in Schweden, Finnland und Norwegen doch auch da so gut geklappt hätte. Dass in den besagten Bildungsinseln die äußeren Umstände auch ganz andere, hier nicht zu erreichende, sind, lässt man dabei einfach unter den Tisch fallen. Man hat auch schon ein Vorzeugeobjekt, das bereits klammheimlich nach diesem Vorbild die Jugend verpfuscht: Die Max-Brauer-Gesamtschule. Unter der strahlenden Leitung einer ehemaligen Hauptschuldirektorin sind alle Segel auf easy gehisst: Unterricht als Solches gibt es eigentlich keinen mehr. Die Figur des Lehrers stilisiert zur blassen Aufsichtsperson, klassische Unterrichtsfächer werden zu sog. Lernwerkstätten aufgeweicht. Die Begründung für die Abschaffung der “Schule von gestern” liegt in der doch so ausgeprägten Individualität eines jeden Schülers. Man müsste halt auch einfach mal akzeptieren, dass nicht jeder Schüler in allen Fächern gleich ist, ganz unterschiedliche Begabungen besitze und es gelte, diese zielorientiert auszubauen. Und damit das Ganze klappt, bringen sich einfach die Schüler alles selbst oder gegenseitig, was aufs Gleiche hinausläuft, bei. Wahrscheinlich auf der Grundlage eines ausgefeilten tiefenpsychologischen Profils wird für jeden Schüler (!) ein eigener (!) Lernplan für die Woche aufgestellt, den jeder Lehrer mit jedem (!) Schüler einzeln einmal pro Woche hinsichtlich seiner Fortschrittene und Niederlagen besprechen soll. Somit wird der Lernprozess von dem angeprangerten “Gleichschritt” befreit, denn jeder Schüler macht unterschiedlich lange unterschiedliche Dinge. Es ist natürlich klar, dass die Leistungsüberprüfung dann etwas schwierig wird, und somit gibts es auch keine Noten. Über den Eintrag “ich kann jetzt Brüche kürzen” darf man sich also genauso freuen wie über eine 2. Klassenarbeiten kann es dann natürlich auch nicht geben, denn die Schüler lernen ja schließlich entsprechend ihrer eigenen Individualität und das solange, bis er oder sie dann endlich die geforderten Fähigkeiten aufweisen kann. Es steht vollkommen ausser Frage, dass ein Großteil der Schülerinnen und Schüler offensichtlich nicht in der Lage ist, sich eigenständig Lerninhalte zu erschließen bzw. dass das selbstständige Lernen unzureichend angeprangert wird und das man das auch im Hinblick auf spätere universitäre Ausbildungen bedeutend stärken muss, aber durch die Idee der Selbstautonomie wird den Kindern auch noch ein weiteres Geschenk gereicht: Es ist mir absolut schleierhaft, wie ein Kind, Jugendlicher oder Heranwachsender eine Persönlichkeit ausbilden soll, die ein Behaupten ausserhalb der sicheren Schulhallen ermöglichen muss, ohne mit an ih/ihr herangetrangenen Leistungsdruck fertig werden bzw. dem standhalten zu können. Da man ein Klassenziel natürlich nicht mehr verfehlen kann, drohen keine Sanktionen und wenn der Junge oder das Mädchen halt einfach keine Mathematik mag, dann muss es das halt auch nicht lernen. Es ist ja individuell. Wie möchte man denn da etwas vergleichen?
Mir reichen ehrlich gesagt schon die jetzigen Eskapaden. Die Nietenbude ist gegenwärtig voll von Gesamtschülern, die in Schleswig-Holstein dieses Jahr estmalig das Zentralabitur schreiben dürfen und selbst die Schüler haben schon ein Magengrummeln , wenn sie ihren ehemaligen Hauptschullehrer vorne stehen sehen, der ihnen in der heimischen Gesamtschule im Leistungskurs Themen verschweigen muss, da er selbst nicht in der Lage ist, die lächerlichen Aufgaben im Geometrie-Buch zu lösen - und das auch noch offen zugibt.
Warum denkt eigentlich man eigentlich den eingeschlagenen Weg nicht weiter und beschäftigt sich nur mit den Schülern, sondern auch mit den Lehrern? In Hamburg gibt es seit diesem Wintersemester nicht mehr den ausgewiesenen Studiengang des Lehramts für die Gymnasiale Oberstufe. Im Zuge der großen internationalen Bachelor-Angleichung dürfen zukünftige Lehrer einen Bachelor in einem (!) Fach erwerben und in einem Aufbaustudium (dem Master), werden diese dann erstmalig mit Erziehungswissenschaft und Praktika konfrontiert. Auch die bis dato bestehende Lehrerausbildung in Hamburg lässt mich ab und an sprachlos in den Seminarräumen stehen, wenn ich erkennen muss, dass die mir anvertrauten Studenten der Mathematik mir auch aus unverständlichen Gründen selbst nicht in der Lage sind, in den Seminaren eine simple quadratische Gleichung (Jahrgangsstufe 9) fehlerfrei aufzulösen. Von dem Stoff, um den es eigentlich in den Vorlesungen geht, spricht man lieber nicht. Erschreckend ist auch der Anteil an osteuropäischen Studenten, die der deutschen Sprache auch nur sehr sporadisch mächtig sind und dann vor eine deutsche Klasse treten wollen.
Aber am besten fand ich gestern abend auf Hamburg 1 den Spitzenkandidaten der FDP, der sich bezüglich der Schulform-Frage dahingehend äußerte, dass jede Schule mal selbst entscheiden solle, was sie mache. Genau. Ist ja auch alles individuell.

Ein Nachmittag beim Frisör

Hase am 19. Oktober 2007 um 19:19

Irgendwie ist es doch immer schön. Wenn man den Schnäppchentempel des Frisörs erklimmt, kommt man als hässliches durchgetretenes Etwas an und geht als sterbender Schwan. Irgendwie auch beängstigend, wenn man sich die Aufmerksamkeit erkauft, schließlich bezahlt man ja dafür. Denn ein pures Haareschneiden ist es bei Chantal irgendwie nie.
Heute musste ich um die 15 Minuten warten, bevor sich die Schere meines Vertrauens an meinem Kopf durchquälen durfte. Schon das Warten in dem leicht von Gerüchen überlagerten Raum ist hochinteressant. Neben mir sitzt Papa mit einem Bibliotheksbuch und begutachtet, wie sein Sohn von der Auszubildenden entschlossen die Haare abgerupst bekommt und während er eine Seite seines Romans umblättert, pustet er ein “Schön still sitzen, Pierre-Kevin!” durch den Raum. Ob Pierre-Kevin das gehört hat, bleibt zu bezweifeln.
Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass offensichtlich eine neue Ladung Tuffis angekarrt wurde, denn das androgyne Etwas am Waschbecken knabbert vor Verlegenheit am Daumennagel, als er zu mir herüber stiert. Den vollgesabberten Daumen wischt er sich elegant an seinem Arschtäschchen ab und wirft seine merkwürdig rosa gefärbten Haare zurück, bevor er den Wasserhahn wieder aufdreht.
Plötzlich kommt Bewegung in den Raum: Der Fleischberg mir schräg gegenüber auf dem Operationsstuhl kommt in Wallung, als der südländisch anmutende Frisör (von Chantal habe ich erfahren, dass der mit Sicherheit nicht schwul ist) fast im Mamboschritt auf das dicke Mädchen zuschwingt. Plötzlich richtet sich das dicke Mädchen auf, und ohne auf den klirrenden Spiegel zu achten, den sie durch den Impulsübertrag auf die Wand in Schwingungen versetzt hat, streift sie mit einem dicken Pattscherchen die fettigen Zotteln zurück.
“Hi!” dröhnt es aus dem aufgedunsenen Gesicht und sie fährt sich fast beiläufig über die dicken Schenkel, die in einer überdimensionalen Jeans eingewickelt sind. “Ich bin wieder da! Du erinnerst dich doch bestimmt an mich. Ich bins, Ramona!” Ramona reibt sich weiterhin die Schenkelchen, als sie dem Frisör erklärt, dass sie nur die Spitzen geschnitten bekommen möchte. Aus ihrer Körpersprache könnte man interpretieren, wenn man es nicht gehört hätte, dass es um andere Körperregionen als das dünne Gefusel auf ihrem Kopf drehen könnte. Der Latino verlagert sein Gewicht auf das linke Bein, fährt sich einmal durch die angeklatschte schwarze Mähne und lässt ein “vorher aber unbedingt waschen, Madame!” aus seinem verkniffenen Lächeln fallen.
Leider kommt in dem Moment Chantal und bevor ich noch etwas Begrüßendes hätte sagen können, vertraut sie mir an: “Er hat mich verlassen! Kannst du dir das vorstellen? Er hat mich einfach verlassen!” Jetzt ist der Kunde in einer Zwickmühle: Einerseits hat er dafür zu sorgen, dass seine Frisörin ohne seelische Belastung ihr Werk vollbringen kann (sonst könnte es dabei zu Zwischenfällen kommen), andererseits ist man dann gezwungen, sich durch seelische Traumata zu schlagen und kann selbst nicht die kleinen alltäglichen Zwischenfälle loswerden, über die man sich den Tag über verteilt aufgeregt hat. Also lasse ich mir das Drama noch vor dem obligatorischen Haarewaschen erzählen. Wie immer hat Chantal einen Typen in irgendeinem Internetforum aufgegabelt, wie immer fand sie ihn vorher nicht gerade berauschend (”aber der Sex war toll!”) und irgendwie war es diesmal allerdings so, dass sich Chantal durchaus hätte mehr vorstellen können. Leider zwei Tage vor meinem Besuch hat der Gute dann mit ihr Schluss gemacht. Zaghaft rege ich an, dass der Nickname wetslipharburg eventuell nicht gerade optimal gewählt wurde, um einen Partner fürs Leben zu finden, versuche dann allerdings beschwichtigende Worte zu finden, als ich sehe, wie die Schere anfängt zu zittern.
Im Folgenden kann ich das Thema zwischen dem bevorstehenden Weihnachtsfest (”ich fahr wie immer auf Sylt”), der Wahl ihrer Männer (”alles Schweine, kann Dervanil nicht hetero werden?”) und dem zurückligenden Urlaub auf Ibiza (”war nix dolles dabei” - bezieht sich anscheinend nicht auf das Wetter) ab und an noch auf meine Frisur lenken und überzeuge Chantal, dass die etwas längeren Haare mir nicht stehen.
Nach der Schlacht kommt das Erste-Ausbildungsjahr-Mädchen mit dem Knopf in der Lippe auf mich zu, verrät mir zum bestimmt zwanzigsten Mal unaufgefordert, wie sie heißt und darf mir noch einmal die Haare spülen und sie anschließend fönen. Den Euro für ihr demonstrativ aufgestelltes Sparschwein auf dem Tresen in Gedanken fest anversiert, schenkt sie mir ihr strahlendes Lädcheln und streicht sich einmal über den schmalen Hintern.
Als ich im Mantel den Akt des Bezahlens auf mich nehme (”ach, was hatten Sie denn? hihi… Naja, soviel wars ja bestimmt nicht…hihi”), rauscht Ramona mit einem beleidigten Gesichtsausdruck an mir vorbei in Richtung Tür und stößt mit ihrem ausladenden Hinterteil einen Zeitschriftenständer um. Im Vorbeifliegen erkenne ich einen kleinen Zettel, auf dem eine Telefonnummer zu stehen scheint. “Dann eben nich!” stößt sie mit fleckigen Wangen aus und knallt die Tür zu.
An der Tür angelangt, muss ich an dem neuen Tuffi vorbei. Mit einem grazilen Liderschwung (sind die echt?) haucht er mir “ciaoi…und ein ganz besonders schönes Wochenende für Sie!” zu und guckt mit einem angewiderten Gesichtsausdruck auf die wenigen Haare auf dem Kopf von Pierre-Kevins Papa.
Wie gesagt: Irgendwie hat so ein Firsörbesuch Unterhaltungswert.

Im Büro von Herrn Prof. Dr.

Hase am 4. September 2007 um 15:00

Möchte man eine Prüfung ablegen, so ist man immer gut beraten, wenn man eine Vorbesprechung mit seiner Heiligkeit anstrebt. Man kann sich dann n unauffällig in dem Raum umgucken, in dem man den hohen Instanzen Rede und Antwort stehen muss und kann die Atmosphäre von Herrn Prof. Dr. aufsaugen, die stets eine andere ist, als wenn man in der Arena des Zirkus ist (auch Hörssal genannt). Zudem lohnt sich eine Absprache der Literatur, die aus verschiedenen (mir oftmals unverstandenen) Gründen von den Angaben während einer Vorlesung abweichen kann und plötzlich oftmals ganz andere Schwerpunkte gesetzt werden.
Heute hatte ich die große Vorbesprechung mit dem Starprof. live from Russia bezüglich meiner Theorieprüfung.
Die Tür stand offen, von Herrn Prof. Dr. leider keine Spur - bis er um die Ecke fegte und mich wie gewohnt sprachgewaltig begrüßte.
“Goood moooornin’ - wir heute Prüfung? Ich gar kein Beisitzer!”
“Nee, Vorbesprechung!”
Gewandt wie eh und je ging man mit dieser neuen Sachlage um und ich wurde gestammelt ins Büro gebeten. Büro ist zuviel gesagt, eher Müllhalde. Der berühmte runde Ikeatisch, den scheinbar alle Professoren für Prüfungen in ihrem Reich stehen haben, war kaum unter sich türmenden Zettelhaufen auszumachen, und da das Fenster offenstand, wurden die Stapel von fünf schmutzigen Teetassen am Davonflattern gehindert. Ob er ihn für die Prüfung freiräumt - oder sitzen wir dann auch wie zwei hilflose Besucher an seinem Schreibtisch hübsch nebeneinander, wie bei der Besprechung? Sein Schreibtisch ist ähnlich überladen, vor mir liegt ein Zettel, auf dem groß zu erkennen ist, dass Omega ungefähr 2 ist. Mit einem zielsicheren Griff in das Chaos wird unter einem Zungenschnalzen das ebenso berühmte schwarze Kalenderbuch rausgefischt und Herr Prof Dr guckt mich aufmunternd an. “Waaaan?” entfällt seinem Mund. Anscheinend geht es jetzt um den Termin.
“Sie fahren doch jetzt in die Staaten, haben Sie mir gesagt…” (eher geschrieben: “Ich bin am 3 September in Institut. Wir können kurtz sprechen. Danach ich bin in USA.”)
“Jaaa…”, der berühmte Zeigefinger des Nachdenks schnellt in die Höhe. “Ah, ich fliege hier zurück…hm…also 13 Stunden ich bin weg und dann…ah, nächster Tag. Ich mittags wieder hier und dann so drei Uhr?” Der Kugelschreiber (Werbegeschenk) flattert unschlüssig in der Luft.
“Meinen Sie, dass es so toll ist, wenn Sie aus den Staaten wiederkommen und dann gleich ins Büro kommen, um mich zu prüfen? Dann sind Sie bestimmt grummelig!” versuche ich die Katastrophe abzuwenden.
Ich erinnere mich noch, wie die erbitterten Verhandlungsversuche für den Termin der 2. Klausur seiner tollen Vorlesung scheiterten: “Ruuuhe! Nix diskutieren, ich müde!”
Ein Schatten der Vorsehung verdunkelt sein Gesicht. “Ja, dann wohl müde!” Er blättert weiter und stoppt vor einer komplett weißen Seite. “Da… hm.. ich meine, da schon Prüfung!” Die Kugelschreiberspitze wandert zu seinem ratlosen Mund und hinterlässt für den Rest des Tages einen blauen Strich. Energisch wird sich aus dem Stuhl gewuchtet und der PC befragt. “Ah, da Prüfung. Nur steht nich, wann… Ah, ich werde Student schreiben und sagen, 14 Uhr! Dann danach?”
Mit Schrecken sehe ich den Kugelschreiber wieder über dem weißen Kalenderblatt schweben. 15 Uhr Prüfung? Danach wird man mich gleich auf einer Bahre aus dem Büro tragen können. Das Kapitel habe ich einmal durch und noch einmal werde ich nicht einen Tag durch die Wohnung laufen und am Ende nicht mehr wissen, wie ich heiße, geschweige denn, wie ich zum Prüfer gelangen soll. Ich erinnere mich noch sehr genau an meinen kleinen Spaziergang und daran, wie ich mich auf dem Gelände des DESYs am Prüfungstag verlaufen habe. Nix da.
“Nee, das geht nicht. Dann bin ich nervös. Haben Sie denn nicht vielleicht vormittags was frei?” Angesichts des komplett leeren Kalenders eine eher rhetorische Frage.
Herr Prof Dr schmunzelt und zu meiner großen Verblüffung legt er mir eine Hand aufs Knie. “Aaaaah”, seine gurrende Stimme lässt mich ungewollt an die Beruhigung von Flüchtlingen während der Oktoberrevolution denken und ich muss mir auf die Zunge beißen, um nicht loszuprusten. “Nur ruuuuhig. Ist doch nur mündliche Prüfung. Nuuur mündliche Prüfung. Wird nichts passieren. Wir reden über Physik. Ich frage bisschen was und Sie antworten. Aaaalles gaaanz entspannt!”
Entschlossen wird das Buch genommen und mir aufmunternd auf die Knie gelegt. “Sie tragen ein, wann Sie wollen. Einfach Zeit und Name. Sie sehen, alles frei… hihi!”
Wahllos suche ich einen Termin raus und mache entschieden einen Kringel bei elf Uhr. Ich werde aufgefordert, Name, Telefonnummer und Email-Adresse einzutragen. Bei letztem kommt von ihm: “Aaahh.. Sie bei Physnet?” (lokaler Server). Auf mein Kopfschütteln hin bekomme ich unter einem Stoßgelache “Noooch nich!” zu hören.
Nachdem dieser Kraftakt des Terminsuchens hinter uns liegt, kommt das eigentlich interessante für mich, die Literaturabsprache und damit auch indirekt der Stoffumfang. Auch hier ist Herr Prof Dr bestens instruiert. Mit beruhigendem Armwedeln bekomme ich mitgeteilt, dass die Prüfung nur “zentraaale Setzä” beinhalten wird. Ich gucke unschlüssig. Die Hand von Herrn Prof Dr schwebt wieder über meinem Knie.
“Wir machen einfach. Nolting, Sie wissen schon!” Ich kann mein Glück nicht fassen, die Lehrbuchreihe besticht durch nicht unbedingte Tiefe und vor allen Dingen eher flapsigen Umgang mit der “harten” theoretischen Physik. Normalerweise habe ich das Ding immer gelesen, um mich irgendwo einzuarbeiten, bevor man sich dann zu weiteren Werken schleppt. Wenn das der Kurt wüsste! Nix über Tensorkategorien, Noetherströme und über die von mir verhassten differentiellen, partiellen und totalen Wirkungsquerschnitte irgendwelcher merkwürdigen Streuprozesse, die mich eh nie interessierten.
In den folgenden fünf Minuten verrät mir Herr Prof Dr mehr oder weniger unverhohlen, was für Fragen mich erwarten. “Sie nix rechnen. Nur ein Beispiel. Da ich Sie fragen…” Ah ja. Ungefragt werde ich auch von meiner letzten Angst befreit, gewisse Theoreme herleiten zu müssen. Die knappe - erstaunlich deutsche Antwort - “Nö!” lässt mich von dem Nachsatz “Lernen Sie nicht zu viel!” begleitet mit einem Schmunzeln das Büro verlassen. Ich habe zwar noch nicht die leiseste Ahnung, was das Ganze wird, aber auf alle Fälle wird es viel zu Lachen geben. Los gehts!

Empathogene Stimulantia I versus Easy Pillenkloppen auffa Pardy

Hase am 24. August 2007 um 12:15

Dervanil war gestern Moderator einer Podiumsdiskussion zum umstrittenen Thema Drug-checking. Somit fand ich mich gegen 19 Uhr (ohne Abendessen) im Hamburger Rathaus ein und war schier erschlagen von der Masse an Bürgern, die dieser Diskussion lauschen wollten: Keiner. Anwesend war der “Mann aus Berlin” von Eve&Rave eV Berlin, ein inzwischen emiritierter Professor des Instituts für Rechtsmedizin der Uni Hamburg, die Organisatoren der Runde sowie ein neben mir sitzender Jugendlicher, der wie vor der letzten Instanz des Mongolismus wirkte und meine Wenigkeit. Wie immer, wenn sich niemand der Öffentlichkeit für den ganzen Kram interessiert, wird an dem starren Modell der Podiumsdiskussion sklavisch festgehalten: Die Vortragenden vorne, die sich alle hübsch einzeln vorstellen und dann ein mehr oder weniger schleppendes Gespräch in Gang halten und die zwei oder drei anwesenden Zuhörer im leeren Publikumssaal. Ich persönlich empfinde die ganze Situation dann meist ungemein erheiternd auf Grund ihrer Groteskheit und komme aus dem Schmunzeln kaum heraus. Dieses Mal allerdings musste ich versuchen, einem Lachkrampf Einhalt zu gebieten.
Zunächst wurde von dem Mann aus Berlin in fast flappsigem Sprachfluss das Projekt vorgestellt. Wir erfuhren anhand einer Powerpoint-Präsentation, dass in Österreich und der Schweiz mittlerweile weitgehende Zugeständnisse des Drogenkonsums stattfinden und auf Techno-Parties mobile Labore die Pillen der Raver einer schnellen oberflächen chemischen Analyse unterziehen und die kritischen Konsumenten dann anonym an einer Pinnwand erfahren, was für Schätzchen denn in ihren Mercedes-Pillchen enthalten sein könnten (oder aber auch nicht). Ein gleichgelagertes Projekt ist in Berlin am Rande der Illegalität auf Grund der ausdrücklichen Untersagung durch die politische Führung vorbeigeschrammt. Am meisten anstößig fand ich die Suggestion des Pharmazeuten, dass der Konsum von Partydrogen eigentlich ganz easy und nicht weiter bemerkenswert ist.
Als Bilder von der tatsächlichen Umsetzung auf dem Projektor gezeigt wurden, fiel der ansonsten bis dahin teilnahmslose Professor fast vom Stuhl, als der Vortragende meinte, dass dies Prof Sowieso aus Sowieso sei.
Nach der letzten Folie (”Und was macht Hamburg?”) war der Apotheker entlassen und nun kam die große Stunde von Herrn Prof. Dr. Er hätte glatt einer der Theorieprofessoren aus dem physikalischen Institut sein können und irgendwie kam ich mir schlagartig wie in einer Vorlesung vor. Mit leiser Stimme (Mikro fehlte ja) begann Herr Doktor, den zuvor Vortragenden auszuzählen wie einen mittelmäßigen Studenten in einer Prüfung (”Ja können Sie denn blabla-dioxy-blabla damit nachweisen? Können Sie blabla nachweisen? Offensichtlich nicht!”). Auch Herr Doktor hatte eine Powerpoint-Präsentation vorbereitet: Groß sein Name und dadrunter chemische Formeln im Lewis-Formalismus. Irgendwie kam es, dass Herr Dr. sich plötzlich in einem Monolog über die Nachweisbarkeit von chemischen Stoffen befand, die bei dem “Konsum von psychotroper Stimulantia” anfallen (angestachelt habe ich heute mal meine Chemie-Kenntnisse aufgefrischt: Ecstasy - 3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin - gehört zur Gruppe der entaktogenen Amphetamine, die mit 1-Phenylpropan-2-amin ein Homologon des Phenylehtylamin darstellt; wie schön, dass ich in der Schule Chemie-LK hatte) und der Jugendliche neben mir schaltete ab und beschäftigte sich mit seinen Fingernägeln. Dervanil griff in seiner Funktion als Moderator behutsam ein und regte an, da man ja eh schon in der Diskussionsrunde sei, diese dann auch offiziell einzuberufen (heißt, alle setzen sich artig vorne in eine Reihe, einer sagt was und mit aufmunternden Sätzen wie “was sagen Sie denn dazu?” werden die anderen Vortragenden dazu angeregt, mit “Nun ja, äh…” ihre Meinung dazu darzulegen), mit der stillen Nahfrage, ob er denn sonst noch mehr Folien hätte. Da kam Herr Doktor richtig aus sich heraus, fingerte hektisch mit dem Laser herum und gab zur Antwort, dass er ja noch die Wirkungsweisen der einzelnen Stoffe vorbereitet hätte, aber das könne er auch ein “bisschen schneller” machen. Ich war schon die ganze Zeit leicht belustigt von dem Treiben vorne und der beherzten Frage einer der Organisatorinnen, die mit “Hab ich Sie jetzt richtig verstanden, Sie denken, das…” versuchte, die akademischen Feldzüge der organischen Chemie auf das “Ja, hier kommt einer mit seiner Pille und legt die da auf die Waage”-Geplapper des Eve&Rave-Mannes herabzubrechen, aber als Herr Doktor dann flott die nächste Folie mit den Wirkungsweisen von Ecstasy (das Wort fiel eigentlich nie, sondern MDMA (siehe oben) ) anknippste und das mit den Worten “Das kennen Sie ja mit Sicherheit alles schon!” umriss und sich auf der Leinwand nur lateinische Fachbegriffe tumelten, war es vorbei. Ich erntete einen fragenden Blick von Herrn Professor auf mein Lachen hin (Fragen und Kommentare sind in Vorlesungen nur unter äußersten Ausnahmezuständen eine tolerierte Teilnahme), doch nachdem wir einige medizinische Fachausdrücke hinter uns hatten, half nichts und dervanil brach das Ganze ab. Danach plättscherte ein Zwiegespräch zwischen Herrn Prof Dr und dem Eve-Mann dahin, bis die Zeit um war, Herr Doktor seinen geschenkten Biowein in die Vorlesungsmappe quetschte und der Eve-Mann seinen Eastpak-Rucksack schulterte.
Dass die gesamte Veranstaltung irgendwie das eigentliche Ziel verfehlt hatte, kam zum Ausdruck, als der Jugendliche neben mir (mit, wie es Herr Prof wahrscheinlich ausdrücken würde,einer chirurgischen Resektion einer Cheilognathopalatoschisis) aufgeregt stammelte: “Ist Spritzen jetzt denn erlaubt?”
Ohne Worte.

Tuffi’s Day: CSD 2007

Hase am 10. August 2007 um 19:27

Alle Jahre wieder feiern die Schwulen und Lesben im Sommer ein zweites Weihnachten: Mit geradezu hypnotischer Gewalt wird lautstark der Christopher-Street-Day (CSD) begangen. Die politischen Parolen sind handfest - Die rechtliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, das Adoptionsrecht sowie Subvention und Engagement bei dem Finden der sexuellen Identität im Akkommodationsprozess des Coming-Outs -, an der Umsetzung hapert es allerdings leider gewaltig: Unter dem Deckmantel einer politischen Demonstration lassen die meisten der Betroffenen hemmungslos die Sau raus, so dass man sich als Aussenstehender fragen kann, ob man tatsächlich die Hedonie pur unterstützen sollte. Denn das politische Engagement und damit auch sämtliche Ideale sind leider schnell mit Proseccogläsern unter der Beschallung von Schlagersternchen die Alster runtergespült.
Der CSD ist krönender Abschluss einer ganzen Woche, die sich ausschließlich mit homosexuellen Fragestellungen beschäftig, die sog. Pride-Week. Am Donnerstag vor der Parade war man sich auf einer Podiumsdiskussion noch “total sicher”, dass das Homoglück im vor dem Feuer lümmelnden Labradorhund in Verbindung mit einem Häuschen im Grünen (einen selbstverständlich perfekten Partner an der Seite, den man so ganz frei von Zwang von seinem weißen Schimmel runtergehieft hat) seine stilisierte Erfüllung erfahren würde. In der anschließenden großen Buchlesung “Südlich von Hetero” wurden so scheinbar “ganz furchtbar schreckliche Comingout-Szenarien” vorgelallert. Mir kamen fast die Tränen, als ich von dem Mobbelchen hören musste, dem irgendwo in einem Dorf in der Zone zwei Tränchen über die geschminkten Pausbäckchen liefen, da einer der Bauern im Vorübergehen das Wort “Arschficker” aus dem Mund hat fallen lassen. Wenn das alles ist, was einem kleinen fetten Jungen in seiner Kindheit widerfahren kann, dann habe ich irgendwas in meiner Kindheit falsch in Erinnerung. Der Selbstbetrug ging sogar so weit, dass einer der reizenden Buchautoren die Pistole auf die schlimme Medienlandschaft richtete, und der CSD-Fernsehübertragung einen Tunnelblick vorwarf. “Die zeigen nur die affektierten Häschen! Ich war auf der Parade und im nachhinein sahs im Fernsehen alles ganz anders aus!” Im Anschluss an diesen informativen Abend wäre ich fast vor lauter Harmonie in die Weinflasche gefallen.
Schade, dass ich keine Videokamera dabei hatte am Wochenende.
Die Parade begann mit der Erkenntnis, dass zwischen den diversen Getränkekisten nicht eine einzige Flasche war, die keinen Alkohol beinhaltete. Dem entsprechend hatten die Gespräche nach einer Stunde unter der brennenden Sonne irgendwie an Niveau eingebüßt. “Ich war ja mit zwei Schwarzen verheiratet, ne? Und ich [kurzes rülpsen] kannir sagn, dasses stimmt, was man so sacht über die Schwarzen!” Leicht geschockt wechselte ich schnell den Platz und fand Olivia Jones, die von vier strammen Jungs in einem Fetzchen von einer roten Shorts auf einer Sänfte “getragen” wurde. Ich habe schnell die betrügerischen Rollen gefunden.
Auf dem Weg fanden wir ein paar Bekannte auf der Straße langtorkeln, die allesamt aussahen, als ob sie kurz vor dem Eimer wären. “Was tringsn da?” wurde der Gespräch eröffnet. “Appolinaris”, meine Antwort, auf die ich ein “was willsn mit sunner Franzosenpisse?” erntete.
Trotz der Tatsache, dass ich einen albernen Cowboyhut trug und dazu eine Sonnenbrille, wurde ich von Passanten tatsächlich wiedererkannt. Ich glaube, nächstes Jahr trage ich eine Scream-Maske.
Aber man muss sagen, dass das anschließende Straßenfest auf dem Jungfernstieg schön war und man die Sonne am Alsterufer genießen konnte. Man durfte allerdings bloß nicht auf die Idee kommen, irgendwas flüssiges kaufen zu wollen - jedenfalls nicht, wenn man naiv einfach losgelaufen ist. Es gab nämlich scheinbar geschlechtsspezifische Jeverstände. Am ersten bedienten die besoffenen Lesbobabes auch nur diejenigen Frauen, die sich mit knappen Top oder aber auch mal gar nix anstellten. Beim zweiten war ich schlauer und hab dem hässlichen dicken Entlein, das verloren den Zapfharn putzte, zweimal zugezwinkert und bekam meine Cola.
An einem Parteistand entdeckte ich die Frau, die mir intime Geheimnisse aus dem Sexualleben mit ihren schwarzen Ehemännern ungefragt anvertraut hatte. Ich versuchte, die anfallenden überschwänglichen Begrüßungen im Keim zu ersticken und guckte verlegen zu ihrem Opfer, dem sie gerade eine Unterschrift zur Aidsprävention abringen wollte. “Nun unterschreib doch ma!” Vorwurfsvoll stützte sie sich auf die Sektflasche, die sie mittlerweile mehr oder weniger unverhohlen auf dem Tisch stehen hatte (ohne Glas). Als ihr Opfer den Fehler beging und sie fragte, wie lange sie denn wohl noch hier sein würde, beugte sie sich über den Tisch (Pattscher an der Flasche), stieß eine Wolke aus Sprit aus, die selbst mich umnebelte, obwohl ich einen Meter neben ihr stand und meinte: “Schassi, ich bin immer hier… kanns jederseid wiherkomm!”
Peinlich berührt habe ich die Biege gemacht und bin nach Hause gefahren, Abendessen und ausruhen, bevor es die letzte Bastion zu erklimmen galt: Die unwahrscheinlich unbeschreibliche Aftershow-Party.
Für unbeschreiblich günstige 10 Euro (an der Abendkasse 12) wurde mir Einlass gewährt auf das riesige Areal des Edelfettwerks, das wirklich nett hergemacht eine sehr schöne Abendkulisse für eine Party bietet (Man darf allerdings auch hier nicht auf die irrige Idee gekommen, was zu trinken bestellen zu wollen. Obwohl ich während der halben Stunde, die ich für die zwei Biere anstand, einiges geboten bekam: Ein selbst betitelte “Manager einer großen Firma” stritt mit der überforderten Barfrau um den Gehalt des Wodkas in seinem Drink. “Nee komm, mach man nochn bisschen mehr rein. Is auch teuer!” war das schlagende Argument, dass er noch einen Schuss mehr bekam und dann auch artig meinte: “Du, das find ich voll toll von dir. Sehr professionell, meine Liebe!”). Natürlich geht es wie bei immer solchen Partys nicht um die Party selbst, sondern um zu sehen und gesehen zu werden. Singles nutzen diesen Abend selbstverständlich für andere Dinge (Habe ich auf dem Klo festgestellt. War der Labrador festgekettet am Rohr?), wenn sie auf dem Straßenfest noch nichts abbekommen haben.
Als mich ein Mann ansprach, dass wir uns doch irgendwoher kennen müssten und dies mit der Frage: “Sach ma, ham wir schon mal gevögelt?” umriss, fiel mir sofort wieder die Podiumsdiskussion ein.
Ob er morgen den Bausparvertrag abschließt?

P.S. Die Fotos des gesamten Spektakels sind auf der einschlägigen Seite von dervanil selbstverständlich zu sehen.

Ich bin wieder hier….

Hase am 13. Juli 2007 um 19:57

Die letzte Woche des Semesters ist stets geprägt von den Nachwehen der Klausuren und dem leicht nostalgischen Gefühl, am Ende eines Abschnitts angelangt zu sein. Besonders merkte man das bei Kurt, der am Donnerstag die wahrscheinlich letzte Vorlesung seines Lebens hielt. Dienstag wurden wir noch vom Großmeister in den Hörsaal gerufen, um seine letzte Klausur zu schreiben. Getreu “was ich noch sagen wollte” durfte man 10 wundervolle Aufgaben bewundern - und nicht vergessen, sie vor Verzückung auch zu lösen. Wie gewohnt spann Kurt einen großen Reigen, angefangen von der Herleitung der Hamiltonfunktion eines geladenen Teilchens im elektromagnetischen Feld, über molekulare Schwingungen im Morsepotential und Kreiseltheorie bishin zu Eulerschen Bewegungsgleichungen war mal wieder alles versammelt. Als Kurt sich selbstgefällig in seinen Stuhl lümmelte, verdunkelte sich der Himmel und die Himmelsschleusen öffneten sich. Leider hatte Kurt nach zwei Stunden keine Aufgabe mehr und so machte ich mich im strömenden Regen auf zum Desy. Heute durfte ich Versuchskaninchen spielen und einen neuen Versuch erproben. Ich konnte mein Glück nicht fassen, im Raum mit meinem Versuchspartner zusammen mit der Flasche von Versuchsassistent alleine den Nachmittag zu bringen zu dürfen. Der kleine süße Junge war mal wieder so aufgeregt, dass er sich erstmal einen Tee brauen musste und dann gings auch schon los. Ungehindert der Information, dass wir den Kurs über Laserphysik noch nicht absolviert haben, wurden wir über virtuelle Gitter in einem Wasserglas ausgequetscht. Der kleine Süße merkt aber vor lauter Aufregung (”Quantenmechanik hab ich nicht geschafft” - “Und wie kommst du dann in die Forschungsgruppe des Laserinstituts?” - “Das weiß ich auch nicht, hihi…”) gar nicht, dass man längst nicht mehr zuhört. Nach zweimaligen Versuchen, ihm zu erklären, dass wir keine Ahnung über das Gebiet haben, fragte er weiter und weiter. Mein Versuchspartner spielte mit einem Stift und ich guckte angestrengt aus dem Fenster. Als nach 10 Minuten Schweigen niemand etwas sagte, beendete ich das Spiel mit “Nun spucks schon aus, die Spannung ist ja unerträglich!” und beleidigt ging unser Süßer wieder Tee brauen. Irgendwann war der Unsinn vorbei und damit auch meine Karriere in den Versuchslaboren des Desy. Endlich.
Mittwoch war einer der heroischen Tagen. Scheinvergabe im Theoriekurs über Quantenmechanik. Wir haben so manche Aufgabe gelöst, aber sind nie auf die Antwort der Frage gekommen, ob Herr Doktor nur ein einziges Hemd besitzt. Feierlich stand Herr Doktor vorne und einem Ritterschlag gleich wurde einem der große Leistungsschein überreicht. Da sind also die Studiengebühren hingewandert: Die Scheine, komplett in Farbe mit dickem Emblem.
Donnerstag brachten wir die Feierlichkeit hinter uns: Klausurrückgabe von Kurt. Mit einem bitteren Nachgeschmack nahm ich zur Kenntnis, dass es anscheinend komplett egal war, was man geleistet hatte und die größten Trottel bekamen den Schein. Ob jemand, der in beiden Klausuren, in denen zusammen 170 Rohpunkte erzielt werden konnten, ganze 45 schreibt und dann mit sunnem Zettel den Kurs verlässt, halte ich doch für ein bisschen gewagt. Da fragt man sich, ob man das Ganze nicht auch einfacher hätte haben können. Kurt nennt das einen “Engagement-Schein”. Ich nenne es hinterher geworfen.
In der angekündigten “allerletzten” Vorlesung von Kurt erwartete ich fast, dass er anfing zu heulen. Ein letztes Mal entführte uns Kurt in sein kryptisches Tafelbild, die netten Anekdoten aus seiner Zeit des geschäftsführenden Direktors des 1. Theoretischen Instituts und natürlich - wie könnte ich es vergessen - die tiefen Gehemnisse der Quantenmechanik. Wie immer fragte ich mich, warum der Mann denn nicht einfach dann auch die Vorlesung zur Quantenmechanik liest, wenn das eh eigentlich alles ist, was ihn interessiert? Student: “Ja, man könnte doch jetzt numerisch versuchen, hier …” Kurt: “Für jemanden wie mich, der aus der Quantenmechanik kommt, ist das unverständlich!” Nachdem wir schon die Feyman’sche Pfadintegralmethode, die Spinorgruppe und das Analogon der Eikonalgleichung durchgekaut hatten, kamen zum Schluss und krönendes Highlight die Heisenberggleichungen. Und so endete die Ära von Kurt mit dem Hinweis, dass man ja noch einen kleinen Ferienkurs machen könnte, da ja nicht alles geschafft worden sei.
Vor lauter Sentimentalität stellte ich mich dann noch bis 18 Uhr in die Uni und brach mit meinen Studenten zu einer rauschenden Reise durch die Analysis auf. Wir machten an ein paar diskreten Stellen halt und besprachen dazu die Wegstrecke anhand eines Lageplans (auch Aufgabe genannt).
Und Freitag betrat ich frohlockend das Gebäude und kämpfte mich in den dritten Stock, wo ich schon die Witzfigur von Übungsgruppenleiter zur Festkörperphysik verzweifelt an der Tafel stehen sah. Ich hatte durchaus schon überlegt, ob ich zur Feier des Tages einen Anzug tragen sollte. Nie wieder würde ich diese Inkompetenz, diese Schlampigkeit und nie wieder Festkörperphysik selbst ertragen müssen. Aber in der letzten Sitzung lief das Mobbelchen doch zur großen Form auf: Er war vorbereitet! Mit Unterlagen! Wahrscheinlich hat er die 0 Punkte bemerkt, die ihm jemand bei der Evaluation gegeben hat :-) Aber auch heute machte Mobbelchen dem etwas absolutistischen Satz “schwach angefangen, stark nachgelassen und die Hälfte schon wieder vergessen” alle Ehre. Ausarbeitungen falsch, Tafelbild beschissen, rhetorische eine Niete. Bei einer Frage stützte er seine Pattscher mit den abgenagten Fingernägeln auf meinen Tisch. Ein letztes Mal umwehte mich eine Wolke von ungewaschener Kleidung und eingeschlossenem Körper, einem billigen Axe-Deo, gemischt mit dem durchdringenden Geruch einer vollgepissten Jeans. Auch dieses Mal gab er sich die Blöße, die Aufgaben selbst nicht verstanden zu haben. “Ich hab lange überlegt, aber ich habe die Aufgabe nicht lösen können!” - Diesen Satz bekamen wir das gesamte Semester mehr oder weniger (meist weniger) klausuliert zu hören. Wenn mein Übungsgruppenleiter selbst zu dämlich ist, die Aufgaben zu lösen, hat der Veranstalter dann nicht den Sinn einer “Übung” verfehlt, als er den Trottel einstellte? Man sollte doch hier die Möglichkeit haben, Fragen zu stellen und meistens hatte ich eher das Gefühl, dass Mobbelchen selbst die eine oder andere Frage hatte. Aber Ende gut, alles gut: “Ich hab die Scheine mit!” Schlagartig nahm ich eine geordnete Haltung ein und starrte gebannt auf Mobbelchen. “Das kommst du ja mal richtig aus dir heraus… willst du noch was sagen?” - Hase: “Nee, dazu fällt mir nun wirklich nichts mehr ein!”
Geschafft.

P.S.: Einen lieben Gruß übrigens an meine Lesergemeinde aus Dortmund. Ein unerschöpflicher Quell der Freude. Weiter so. Du schaffst es immer wieder, mich zu überraschen. Ich weiß, ich war 2004 nicht auf der Beerdigung. Ich glaube, deine lasse ich auch aus. Arschficker haben da ja eh Deiner Ansicht nach nichts zu suchen.

“Sie können das Blatt auch quer legen!” - oder ein Wochenrückblick

Hase am 26. Mai 2007 um 11:14

Montag
Vormittags gelernt, kurz in der Uni gewesen: Zettel zur Übung von Kurts großer Vorlesung abgegeben und seine Vorlesung gehört in der Hoffnung, etwas über die am Dienstag anstehende Klausur zu erfahren. “Können Sie was zur Klausur morgen sagen?” - Prof: “Nö!”.
Danach bis um 16:00 Uhr meine verzweifelten Studenten unterrichtet. Erfahren, dass sie selbst zu blöd zum differenzieren sind.
Ab 16:30 - 18:00 Uhr Vorbereitung fürs große DESY-Praktikum. Beschlossen, das neue Heft zu vergessen, da keine Zeit, die acht-seitige Vorbereitung zu schreiben.
Ab 20:00 Uhr Lektüre von Kurts Skript und paralleles Lernen aus Büchern. 24:00 Uhr: Heiapuh.

Dienstag
Vormittags gelernt. Kann Herleitung der Lagrange-Gleichungen aus Hamiltonprinzip auswendig. Um 12:00 Uhr (eine Zigarettenschachtel später) Aufschlagen im Theoretischen Institut. Kurt ist schon da und wirft die zusammengetackerten Zettel auf die Tische. Merkt, dass er eine Kopie zu wenig hat. Macht ja nix. Auch nich, dass eine Aufgabe vollkommener Schwachsinn ist. Fällt Kurt aber nich auf. - Vorschau auf Freitag abend: Wundere mich immer noch, mit welcher Intention einige Aufgaben auf dem Klausurbogen Eingang gefunden haben. Was hat das 3. Keplergesetz und seine eingeschränkte Gültigkeit mit der Vorlesung zu tun? Genauso die Frage nach den Erhaltungsgrößen eines Massensystems im Gravitationsfeld, das sich auf einem Quader bewegt. Gibt keine. Wie lustig. Trotzdem kritzel ich die ganzen Seiten voll. Um 14:30 Uhr sitze ich im Bus nach Bahrenfeld - die DESY-Tour.
Letzter Versuch der Löt-Reihe. Der Assistent beginnt den Versuch mit “ich hab mir sagen lassen, dass der Versuch ganz schnell geht!” Damit signalisiert er, dass er mal wieder keine Ahnung hat, was zu tun ist. So ist es auch. Um 19:00 verschwinde ich entnervt nach draußen, um eine zu rauchen. Ab 18:00 Uhr werden übrigens im Laser-Institut die Türen automatisch dicht gemacht. Hab ich auch rausgefunden. Überlege, ob ich schon eine Halluzination habe, als zwei Sportler in Turnhosen durch das Institut laufen. Scheinbar nicht, denn sie lassen mich wieder rein, da die Türen von innen geöffnet werden können. Stehe dann allerdings eine gute Viertelstunde vor dem Praktikumstrakt, da auch die abgeschlossen ist, bis einer auf Klo muss und ich im Gang stehend gesehen werde. Um 20:30 Uhr verlasse ich maulig die Veranstaltung und bin um 21:00 Uhr zu Hause. Bis Mitternacht: Sitze am Schreibtisch und rätsel über die kryptische Aufgabe zu den Heisenbergoperatoren.

Mittwoch
7:30 Uhr. Sitze am Schreibtisch und löse die Aufgabe zu den Heisenbergoperatoren. Bringe meine Lösungen zu Übungsserie 7 bis um 10:00 in eine leserliche Form und fahre ins theoretische Institut. Unser hochmotivierter Übungsleiter in der Quantenmechanik kritzelt Tips zu den neuen Aufgaben an die Tafel. Es geht um die Kovarianz der Schrödinger-Gleichung unter Lorentzeichung. Wir erleben einen intellektuellen Orgasmus der Quantenelektrodynamik. Danach wird das vorletzte Aufgabenblatt besprochen, nachdem das letzte abgegeben wird. Ich werde hellhörig. Jetzt müsste die große Offenbarung erfolgen hinsichtlich der Zeitentwicklung des furchtbaren Gaußpakets mit diesen komischen Faktoren im Exponenten, die die Rechnerei schier unmöglich machen. Ich habs damals nach dem fünften Versuch aufgegeben, da die zweite Fouriertransformation leider keine quadratintegrable Funktion unter dem Integral ergeben hat, wenn man den Erwartungswert des Ortsoperators ausrechnen möchte/muss. Mit schreckgeweiteten Augen registriere ich die Lösung unseres Übungsleiters, der statt 1/wurzel(a*wurzel(2pi))*exp(-(x-x0)^2/4a^2 + i/h(quer)p0*x) nach der ersten Fouriertransformation einfach A und B für mehrgliedrige Ausdrücke schreibt, die sonst gar nicht in eine Zeile passen. Zuhause rechne ich nach, dass das leider auch zu meinem besagten Problem führt. “Sehen Sie, wenn das alles so länglich ist, dann legen Sie doch einfach beim Rechnen das Blatt quer, dann passt die Gleichung eher drauf und es ist übersichtlicher, als wenn Ihre Integrale über fünf Zeilen gehen!” An diese Möglichkeit hatte ich noch nie gedacht. Wie auch immer, es steht letzendlich an der Tafel ein riesiger Ausdruck, den man nun integrieren müsste. Student: “Ist das denn auch so und so richtig?” - “Kann ich nicht nachprüfen. Wie soll man diese Aufgabe eigentlich korrigieren… - Ich kopiere Ihnen meine Lösung!”
Gestärkt von diesen intellektuellen Höhenflügen ab 15:00 das Kontrastprogramm in Form der verblödeten Schüler, die nicht in der Lage sind, die Gerade y = 2x - 3 zu zeichnen. Im Laufe des Nachmittages stelle ich fest, dass auch der Leistungskurs zu blöd zum differenzieren ist. Aber immerhin kann die neue Folge von Will&Grace zusammengefasst werden. Immerhin ja was.
Um 19:30 sitze ich in dem schmuddeligen Zug nach Hause.
Abends sitze ich sogar nur bis um 23:30 Uhr am Schreibtisch, nachdem ich noch für Kurt ein Funktional minimiert habe unter isoperimetrischer Nebenbedingung. Free und easy sozusagen.

Donnerstag
Wie immer ist am Donnerstag um 8:30 das große Prüfungskolloquium, das Kurt herablassend “Übung” nennt. Wie immer gibt es neben den abzugebenden Aufgaben eine, die mündlich vorzubereiten war und wahllos wird einer aus der Gruppe nach vorne zitiert, der dann Rede und Antwort stehen muss, wobei die Aufgabe nur schmückendes Beiwerk ist.
Heute allerdings gibts die Klausur wieder. Um mich herum platzen die Träume wie Seifenblasen. Kurt lässt auch irgendwann bei mir die Zettel auf den Tisch segeln und mit großer Verwunderung und Freude registriere ich, dass ich offenbar gar nicht schlecht abgeschnitten habe, auch wenn mir die dumme folgende Aufgabe Punktabzug gebracht hat (naja, es gab ja noch fast ein Dutzend anderer Aufgaben):

Betrachten Sie ein ebenes mathematisches Pendel der Masse m und der Pendellänge l. Das kartesische Koordinatensystem sei wie üblich so gewählt, dass die y-Achse in Richtung des Erdmittelpunktes zeigt. Der Aufhängepunkt A dieses Pendels führe auf der y-Achse periodische Schwingungen mit der Amplitude a und der Kreisfrequenz omega aus. Stellen Sie die Lagrangegleichungen auf.

Wie sich herausstellte, hat Kurt das Ding im Fernsehen letztens gesehen. Stolz wird berichtet, dass die Mönche so das Weihrauchschwänken vollziehen auf diesem Pilgerpfad in Italien. Als ob die Mönche erst mal diese nicht-lineare Differentialgleichung 2. Ordnung lösen würden, wenn sie mit diesem Zeugs rumpüttschern.
Bis um 14:00 Uhr rumlungern in der Uni. Vorlesungen hören und dann schreckliches Seminar, in dem allerlei Leute irgendwas vor sich hin stottern.
Bis abends Schreibtischarbeit.

Freitag
Ich bin so erschlagen, dass ich großzügig die Festkörperphysik-Übung bei diesem Gott von Übungsleiter ausfallen lasse.
Um halb zwei will ich nach Oldesloe fahren. Wird aber doch erst viertel nach zwei was, da die beschissene Bahn mal wieder nix auf die Beine bekommt. Unterrichten in der Nietenbude. Um halb sieben die gleiche Fahrt in die andere Richtung. Zug fällt aus. Um halb neun bin ich zu Hause.

Und da sage noch mal jemand, wir würden ja eh nix tun.

Neues aus der Nietenbude

Hase am 12. Mai 2007 um 16:15

Das dicke Mädchen sitzt immer noch da. Die Haare - so fettig wie einst. Mir ist, als ob die Tage nie verstrichen wären. Wir quälen uns durch die Prozentrechnung. “Ey, scheiß-Aufgabe hier… und sowieso. Hatten wir nich!” Nee, stimmt… Erst seit der 7. Klasse zyklisch immer wiederkehrend wie ein Alptraum. Wie auch vor drei Monaten scheitern wir an meiner tollen Aufgabe: “Artikel X (für die Hauptschule: 7 Klasse = Zigarettenpackung, 8. Klasse = Antibabypille, 9. Klasse = Kosten der Abtreibungsklinik; Realschule: Wendyheft und Gymnasium: Die Menge X) wird um 10 Prozent erhöht und dann um 10 Prozent reduziert. Wie teuer ist X?” Es fällt ihr eine fettige Haarsträhne auf die dicke Backe, als sie sagt: “gleich teuer!”
Gegenüber sitzt das andere Extrem: Nuttig aufgedonnert bis unter die gefärbten Haarspitzen zielt sie mit der Nagelpfeile auf das Monstrum: “Is doch scheiß egal, ey… ich kauf immer, wenn der Preis runter geht! Diesen Gucci-Schlüsselanhänger gabs damals sogar für umsonst dazu!”
In der anderen Raumrichtung lauert die nächste Gefahr für meine Nerven: Der Fünftklässler schlackert spastisch mit dem Kopf hin
und her und lässt die Zunge heraus hängen. Auf meine Ermahnung ernte ich ein “immer locker durchn Schlübber!” als Antwort. Für einen Moment habe ich das Bild eines blutverschmierten Baseballschlägers vor Augen.
Von Seiten der Eltern nimmt man das Ganze äußert “locker durchn Schlübber” hin. Es wäre ja nicht so, dass man mit den Eltern kein Gespräch gesucht hätte. Wagemutig habe ich sogar den Besuch eines Psychologen vorgeschlagen. Ich sehe die Mutter noch vor mir, wie sie mit zusammengepressten Knien von der Karriere ihres Sohnes sprach wie etwas Gottgegebenes und sie der Meinung ist, dass sich ihr Sohn schon gebessert habe, “seit wir seinen Vater … seit er und ich das Schwein hinter uns gelassen haben… -” Im gleichen Atemzug teilte sie mit, dass sie jetzt ja auch wieder eine Ganztagsstelle hat (”es ist ja auch alles so teuer” - mit bedeutungsschwangerem Blick auf den Raum). Kein Wunder, dass sie dann davon ausgeht, dass alles “locker durchn Schlübber” ist, wenn sie ihren Sohn nie sieht.
Nach insgesamt 90 Minuten habe ich es überstanden und darf freudig feststellen, dass alle Kinder auf die Tür zusteuern.
Als nächstes rollert die 11. Klasse an. Da letztes Mal doch recht hohe Fehlzeiten mir auffielen, interviewe ich die Schüler, wo sie denn wohl waren: Das Mädel lümmelt sich im Stuhl und spielt sich am knappen Top rum, als sie meint: “Tja ne, da konnte ich nich… war glaube ich wegen Schule oder sunner Scheiße!” Mit einer obszönen Mundbewegung in Richtung seiner Vorrednerin offenbart ein Junge, dass er “beim großen Bewerbungstest” war. Auf meine fragenden Blicke hin werde ich aufgeklärt: “Na fürn Sport-Leistungskurs, ey. Da nehmen sie nich jeden…!” Um das Ganze nicht weiter ausufern zu lassen, werfe ich einen Arbeitsbogen auf die Tische. “Damit Sie nicht bald noch mehr Bewerbungstests machen müssen…”
Also Fazit: Alles wie gehabt. Free und easy und locker durchn Schlübber.

Die Proportionalitäten stimmen…

Hase am 12. Mai 2007 um 15:36

Da hat man schweißtreibende Nächte. Man träumt davon, dass man eventuell bei der zehngliedrigen Fehlerberechnung irgendwo ein Komma falsch eingetippt haben könnte. Man könnte sogar die Wurzel vergessen haben. Man spürt einen Anflug von Übelkeit, wenn der Assistent das eigene Heft in den Händen hält und es zurückgeben will. Diese Dinge gehören offensichtlich der Vergangenheit an.
Der Festkörper-Heini ging sogar soweit, vollmundig verlauten zu lassen, dass man sich bei ihm in der Forschungsgruppe sogar damit zufrieden geben würde, wenn die Theorie auch nur ansatzweise in der Praxis der gebenen Tendenz entsprechen würde. “Zahlenfaktoren interessieren mich nicht! - Ob nun nur der erste Oktant oder der ganze reelle Raum, is doch eh nur ne Zahl!” Also fliegen jetzt an der Tafel auch gar keine Formeln mehr durch die Gegend, sondern nur noch “ist proportional zu”-Symbole. Das schlägt sich auch in der Übungsgruppe nieder. Bei der Berechnung irgendwelcher Dinge muss man erleben, dass ein Student angibt zu wissen, dass bei der Berechnung der eine Faktor “mit der Wurzel” geht und somit wird aus 6*(pi)^2 schnell man 1 gemacht. “Ist ja nur nen Faktor!” Das ist ja fast so wie bei den Elementarteilchenphysikern, die großzügiger weise die Lichtgeschwindigkeit mit dem Planckschen Wirkungsquantum gleichsetzen und damits nich so schwierig wird, dafür den Wert 1 annehmen (beide Werte liegen tatsächlich 42 Zehnerpotenzen auseinander)
Begleitet von dem Hintegrundgebrabbel (”können sich eigentlich auch 4 Phononen auslöschen?” - Übungsleiter: “Darüber denke ich auch gerade nach!”) verlasse ich die Veranstaltung. In der Theorie gibt es solche Probleme nicht: “Ich lass die Formel jetzt mal so [nur Differentiale an der Tafel], denn wir wollen ja eh nie damit rechnen!”
Aber der Assistent vom Laserinstitut hat es erkannt, als ich verzweifelt mit dem Lötkolben in der Hand vor den Platinen stand: “Sie sehen so aus, als ob sie noch nie einen Kolben in der Hand gehalten hätten - einen Lötkolben meine ich [kichert albern]. Sie sind wohl auch eher im Hilbert-Raum unterwegs, was?”
- Da gibts wenigstens keine Zahlen.

Was für ein Mann

Hase am 5. Mai 2007 um 14:03

Für einen eher theoretisch angehauchten Physiker sind Vorlesungen in Experimentalphysik mehr ein notwendiges Übel als gern besuchte Veranstaltungen. Die Vorlesung zur Festkörperphysik toppt allerdings momentan alles. Die Vorlesung als Solche ist schon eine Zumutung: Herr Professor Doktor versucht hingebungsvoll, allerlei Eigenschaften von Festkörpern in die Köpfe seiner Zuhöhrer zu manifestieren und da es ja alles so schlimm ist, lockert er seine Vorlesung gerne mit eher fragwürdigen didaktischen Mitteln auf. Fragwürdig deshalb, weil man aus der Vorlesung geht und sich fragt, ob es jetzt wirklich hat sein müssen, 30 Minuten über das Vermögen von Gekkos, sich an der Wand festzusaugen, zu referieren oder über seine jugendlichen Reisen nach Idaoberstein, da es dort doch die schönsten Diamanten gibt. Auch bei den wöchentlich zu bearbeitenden Übungsaufgaben vermisste ich jene Fragen nach den Kosten, ein NaCl-Kristall zur Anschauung herzustellen, oder die Berechnung der thermisch bedingten Ausdehnung eines Erdölschiffes; schmerzlich enttäuscht war ich über das Fehlen des Rätsels, warum Herr Professor Doktor keinen Führerschein besitzt. Am meisten schockiert bin ich allerdings, dass mir niemand erklärt hat, warum ich es verdient habe, einen überaus ach so kompetenten Übungsgruppenleiter zu bekommen.
Schon die äußere Erscheinung lässt mich schier in Extase geraten: Abgebrochene 1,70 und Kampfgewicht bestimmt 80 Kilo. Als Unterstreichung seines gepflegten Äußeres darf sein Gegenüber einen verfilzten, wuchernden Bart bewundern und speckiges, ungewaschenes Haar, das elegant mit einen 10-cent-Gummiband zu einem chicken Zopf geschnürt ist. Auch sein Kleidungsstil ist modisch und ansprechend: Seit Semesterbeginn trägt man einen in beige gehaltenen Kaputzenpulli (als Accessoire mit Taschen vorne, damit keiner sieht, wenn er Faust ballt, wenn er eine Frage nicht beantworten kann) und irgendwelche abgewetzten Winterstiefel, die so fertig sind, dass man kein Schuhband mehr durch die Ösen führen kann.
Gestern hat man sich allerdings ins Zeug gelegt, denn die Sitzung musste frühzeitig wegen einer Wohnungsbesichtung abgebrochen werden. Als unser Leiter direkt vor mir stand und ich Einblick in seinen falsch zugeknöpften Hosenschlitz und das fast faustgroße Loch der Jeans nahe des Schritts gewann, habe ich neben der Bekämpfung des Brechreizes überlegt, spontan mitzukommen und dem Verantwortlichen dringend davon abzuraten.
Auch fachlich kann man unseren Übungsleiter eigentlich nur in den höchsten Tönen loben:

Es geht um einen bestimmten Bindungswinkel. Neben dem Ausrechnen dessen ist auch die Frage nach Beispielen aus der organischen Chemie, wo dieser besagte Winkel auch auftritt. Stolz verkündet er: “Methan! Auch Ammoniak!”
Hase: “Also bei der sp3-Hybridisierung!”
Übungsleiter: “Das weiß ich jetzt nicht…”
Hase: “Methan und Ammoniak haben doch nur diesen Winkel, weil sie sp3-hybridisiert sind!”
Übungsleiter: “Oh…”

Zur Auflockerung zeigt man tolle Computerausdrucke von irgendwelchen Experimenten, die er im Zuge seiner Diplomarbeit macht. Lang und breit versucht unser Übungsleiter stotternd, irgendwas zu erzählen. Im Plenum taucht die Frage auf, ob man dem Effekt einen Namen geben könnte. Es folgt ein Rätselraten.
Hase: “Das ist doch der Skin-Effekt, oder nicht?”
Übungsleiter: “Ach ja, so heißt der. Woher weißt du das denn schon?”
Hase: “Das hat man in der 9. Klasse!”
Übungsleiter: “Oh…”

In einer Aufgabe soll man die Mollwo-Beziehung durch eine doppelt-logarithmische Graphik erläutern. Meine Lösung wird als “nicht nachvollziehbar” korrigiert.
“Ja, wie soll das denn gehen, wenn da nen exponentieller Zusammenhang besteht? Das ist ja ne Gerade bei dir!”
Hase: “Ja klar… Wenn man beide Seiten der Gleichung logartihmiert, kommt ja auch ne Gerade raus…”
Übungsleiter: “Echt?”

Auch Allgemeinwissen steht hoch im Kurs. Zur zusätzlichen Spannung wird bei einer Aufgabe wahllos irgendein Student nach vorne gerufen.
“Wie heißt du denn?”
Der Student brummelt irgendwas unverständliches und nach erneutem Fragen bekommt er zur Antwort: “Wie unser ehemaliger Präsident!”
Der Student rechnet irgendwas an der Tafel und wird letzendlich entlassen. Der Übungsleiter muss jetzt noch auf seiner Liste einen dokumentierenden Strich machen und fragt: “Schröder war der Name, oder?”

Ohne Worte.